Klangerlebnis der besonderen Art
11.12.2008 | 16:09 Uhr 2008-12-11T16:09:00+0100„Du hattest einen Engländer?”, fragt eine Frau eine andere, die daraufhin heftig nickt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Beide Frauen waren Gastgeberinnen für internationale Gäste gewesen.
Und diese gehörten zum Barockorchester Le Chardon, welches anlässlich einer Aufführung der H-Moll Messe, BWV 232, in der Christus-Kirche in Beckhausen in der Stadt weilte. Und so hatten die beiden Damen nicht nur Gelegenheit, die Musik von Johann Sebastian Bach kennen zu lernen, sondern auch die Musiker.
Ein Konzert von so hohem Rang in einer Gelsenkirchener Kirche zu präsentieren, ist keineswegs normal. Und die Gemeinde selbst hatte dafür einiges getan. „Die Menschen haben Kleidermärkte und Benefizkonzerte veranstaltet, um dieses Highlight überhaupt möglich zu machen”, so Christina Wienroth, musikalische Leiterin des Konzerts und Kantorin der Gemeinde.
Die Dirigentin, die das Ensemble Lorica Vitae, einst hervor gegangen aus dem Chor der Gemeinde, den Auftritt mit dem europäischen Orchester verschafft hatte, konnte dabei aus dem Vollen schöpfen. Denn Hajo Wienroth, Begründer des Barockorchesters, ist der Bruder der Kantorin. Und nicht nur dadurch hatte der Abend beinahe familiären Charakter.
Musikalisch war er ein Hochgenuss. Schon im ersten Teil des Kyrie zeichnete sich ab, wie kraftvoll und gefühlvoll der 20 Sänger starke Chor eines der bekanntesten Werke Bachs interpretierte. Harmonisch fließende Frauenstimmen, unterstützt von souveränen Männerstimmen, schilderten die musikalische Bitte um Erbarmen.
Das darauf folgende Solo von Sopran, gesungen von Margaret Hunter, und Alt, dargeboten durch Schirin Partowi, ließ die Gäste zum ersten mal den Atem anhalten. Eingeführt durch barocke Streicher entfaltete sich im Christe Eleison ein Klangerlebnis der besonderen Art, welches durch den dritten Teil des Kyrie lieblich säuselnd abgerundet wurde.
Dann schlug die große Stunde des semi-professionellen Chors. Im Gloria sangen die Akteure festlich und feierlich, heiter und fließend „Ehre sei Gott in der Höhe”. Die fantastischen Blechbläser, die das Orchester dominierten, unterstrichen den festlichen Charakter. Gekonnt präsentierten die Musiker und Sänger das Wechselspiel innerhalb des Stückes, das streckenweise an Bachs Weihnachtsoratorium erinnert, dann wieder erzählerischen Charakter hat.
Schade nur, dass sich ein solcher Hochgenuss der Gemeinde so bald nicht wieder bieten wird. „So etwas können wir so oft nicht machen”, so Christina Wienroth. Konzerte dieser Größenordnung tragen sich an dieser Stelle nicht selbst. Man ist auf Spenden angewiesen. Und auf die Mitarbeit der Gemeinde. Und die muss, bis sie sich das nächste Konzert dieser Qualität selbst schenken kann, weitere Kleidermärkte veranstalten. kira
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