Heimat im Zeichen des Umbruchs
19.02.2010 | 07:33 Uhr 2010-02-19T07:33:00+0100
Der Ostpreußische evangelische Arbeiter-Unterstützungsverein Erle-Middelich steht kurz vor dem 120. Geburtstag - und vor Veränderungen. Er wird seine Unterstützungskasse mit der der Notgemeinschaft Zeche Hugo verschmelzen.
Er trägt bislang den wahrscheinlich längsten Vereinsnamen Erles, der Ostpreußische evangelische Arbeiter-Unterstützungsverein Erle-Middelich, gegründet 1891. Doch außergewöhnlicher Name hin oder her: Ein Jahr vor seinem 120. Geburtstag holt ihn der heute so normale Mitgliederschwund ein – der „unterstützende“ Teil des Vereins, die Sterbekasse, schließt sich der Notgemeinschaft Zeche Hugo an. Damit ist die heutige Jahreshauptversammlung die letzte in der bisherigen Vereinsstruktur.
Dabei waren Zeiten des Umbruchs Alltag für die Gründer: (Nicht nur) viele Masuren verließen ihre Heimat, als die Zechengesellschaft Graf Bismarck in Ostpreußen Arbeitskräfte für Schacht 11 suchte, der 1882 im Erler Süden abgeteuft worden war. Neu anzufangen, dazu noch als Protestanten in einem vornehmlich katholischen Umfeld – das war so einfach nicht.
„Die zugewanderten evangelischen Männer, die auf dem Pütt arbeiteten, trafen sich anfangs zu Gebetsversammlungen und gründeten später den Verein“, weiß 1. Vorsitzender Günter Güttner (83). Denn die slawische Muttersprache, die anderen Lebensgewohnheiten und besonders die tiefe Frömmigkeit, sie schweißten die Zuwanderer aus Ostpreußen zusammen.
Nicht zu vernachlässigen sei allerdings auch der Wunsch nach finanzieller Unterstützung in jenen ärmlichen Verhältnissen gewesen, betont Güttner. „Wer Mitglied werden wollte, musste der Sterbekasse beitreten und monatlich etwa 20, 30 Pfennige zahlen.“ Dafür erhielt er zu Lebenszeiten an besonderen Geburtstagen Präsente und – neben einer Geldsumme für die Beerdigung – das letzte Geleit durch eine Vereinsabordnung.
Zum Mitglieds- und Sterbekassenbeitrag kam für viele Vereinsangehörigen das freiwillige Engagement im Evangelischen Kirchenbauverein Erle-Middelich, an dem der Ostpreußische evangelische Arbeiter-Unterstützungsverein maßgeblich beteiligt war. So konnte 1899 zwischen Cranger- und Frankampstraße ein Betsaal errichtet werden, zu dessen Einweihung die deutsche Kaiserin Auguste Viktoria eine wertvolle Bibel mit persönlicher Widmung schickte. Und 1903 hatten die Erler Protestanten dann endlich ihr eigenes Gotteshaus, die Dreifaltigkeitskirche – eine neue religiöse Heimat in Zeiten des Umbruchs.
Das damals rege Vereinsleben, es ist ziemlich eingeschlafen, bedauert Güttner. „Wir treffen uns einmal im Quartal, mal zu einem Vortrag, mal zum Jahresausflug ins Münster- oder Sauerland. Die höchsten Mitgliederzahlen hatten wir in den 1950-er bis 1970-er Jahren mit bis zu 1500 Angehörigen. Ende 2009 waren es nur noch 225.“ War es in der Männergesellschaft vor und nach dem Krieg noch verpönt, den Vorstand mit Frauen zu besetzen, so zwingt heute die Demografie dem Verein den Stempel der Gleichberechtigung auf: Wegen ihrer längeren Lebenserwartung sind zwei Drittel der Mitglieder Frauen, auch im Vorstand haben sie die Mehrheit; und offen für Nicht-Ostpreußen ist der Verein schon sehr lange. Konnte der Verein diese Umbrüche gut verkraften – die Wirtschaftskrise in Kombination mit dem Mitgliederschwund jedoch nicht. „Wir können unser Geld nicht mehr so gut verzinst anlegen wie früher. Das geht zu Lasten des Stammkapitals“, sagt Güttner.
Wehmut angesichts der Aufgabe der eigenen Sterbekasse? Nein, die treibt ihn auch nach 62 Jahren im Verein nicht um. Er sieht die Sache eher sachlich: „Dass das Sterbegeld immer weniger wird, ist einfach nicht mehr vertretbar.“ Und der gesellige Teil des Vereins bleibt ja auch weiter bestehen - er muss nur noch seinen Namen ändern, der dann etwas griffiger wird: Ostpreußischer evangelischer Arbeiterverein.
Am Freitag Jahreshauptversammlung
Der Ostpreußische evangelische Arbeiter-Unterstützungsverein Erle-Middelich trifft sich am Freitag, 19. Februar, 16 Uhr, zur Jahreshauptversammlung. Auf der Tagesordnung steht auch die Wahl eines neuen Vorstands. Treffpunkt ist das Gemeindehaus der Dreifaltigkeitskirche an der Cranger Straße.
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