Gegen das Vergessen
11.08.2011 | 17:48 Uhr 2011-08-11T17:48:00+0200
Gelsenkirchen-Hassel. In Hassel hat sich um Ingrid Sauerbaum und Egon Kopatz ein Seniorentreffpunkt gegründet, der sich für die Verlegung eines Stolpersteins einsetzt.
Astrid starb als Kind. Obwohl sie hätte leben können. Sie wurde verraten vom Arzt im Stadtteil. Sie wurde deportiert von den Nationalsozialisten. Und von ihnen wurde sie ermordet. Weil sie das Down-Syndrom hatte, durfte sie nicht spielen, nicht lachen, nicht leben. Ein Stolperstein soll demnächst in Hassel an sie erinnern. Und an die Schatten, die einst auch über Hassel lagen. Pate für das Mahnmal ist die Familie Sauerbaum. Weil man die Vergangenheit nicht vergessen soll.
Und weil es am besten ist, immer wieder darüber zu reden, Heimatgeschichte offensiv aufzuarbeiten, rief Ingrid Sauerbaum gemeinsam mit dem Heimatforscher Egon Kopatz einen Gesprächskreis ins Leben. Noch ist die Runde, die sich am Montag zum ersten Mal im Seniorenzentrum an der Oberfeldinger Straße traf, überschaubar. Aber das macht nichts. Denn die Hasseler, die da sind, haben viel zu berichten.
„Mein erster Schultag war der Tag des Kriegsausbruches“, erinnert sich Helga Westen. 1933 wurde sie im Haus Polsumer Straße 72 geboren. Ihre Kindheit fand kaum statt. Nur selten gab es unbetrübte Momente im damals so grünen Stadtteil. „Ich ging auf die Michaelschule. Aber die wurde bald geschlossen.“ Nur durch eine Kinderkrankheit, den Scharlach, entging sie der Kinderlandverschickung: „Meine Mutter war heilfroh.“ So aber erlebte das junge Mädchen den Krieg hautnah. „Ich bin als Kind ewig zum Bunker gelaufen an die Körnerstraße.“ Schulunterricht gab es nicht mehr. Helga Westen wurde privat unterrichtet. „Das wurde aber nicht bezahlt. Die Lehrerin war froh, wenn sie mit uns essen konnte. Und ich war froh, wenn Alarm war. Dann brauchte ich nicht zu lernen, dachte ich. Aber die Lehrerin kam mit mir mit und ich musste im Bunker die Schulbank drücken.“ Je mehr Bomben fielen, desto häufiger trafen sie auch. Sehr gut kann sich die Hasselerin erinnern, wie eine Bombe in der Siedlung „Jerusalem“ einschlug, am Spinnstuhl.
„Astrid ist tot“
„Ich sehe noch die Toten da liegen. Ich weiß nicht, wie viele da gestorben sind. Aber es waren viele. Da musste man schlucken. Als Kind rennt man ja schnell hin und auch schnell wieder weg.“
Manchmal, zwischendurch, kommen auch ein paar schöne Erinnerungen auf. Daran, wie wenig bebaut der Stadtteil damals war. „Gegenüber dem Möbelhof war nichts. Die Kinder hatten hier noch viel Freiheit und Platz zum Spielen“, erinnert sich die 88-jährige Ilse Ulbrich. „Zwischen der Königswiese und der Dillbrinkstraße da war die Ziegenwiese. Und da floss die Springe in Richtung Haus Uhlenbrock.“ „Dahinter gab es eine Mühle“, ergänzt Egon Kopatz. „Die Picksmühle. Von da an heißt der Bach Picksmühlenbach und der fließt in den Hasseler Mühlenbach.“
Doch die Momente der schönen Erinnerungen werden immer wieder unterbrochen von den schlimmen Erinnerungen. Jetzt erzählt Ingrid Sauerbaum von Astrid Steiner. „Sie wohnte im Haus meines Großvaters. Ich erinnere mich, dass ihre Mutter eines Tages angelaufen kam und sagte, Astrid soll abgeholt werden. Ein paar Mal konnte die Mutter das verschieben. Dann wurde sie doch geholt. Ich weiß, irgendwann kam sie weinend zu uns und sagte: Astrid ist tot.“ Die Mutter bemühte sich, wenigstens ihr totes Kind noch einmal zu sehen, zu sich zu holen. Doch selbst das wurde unter fadenscheinigen Gründen untersagt. „Das wollten die nicht“, meint Ingrid Sauerbaum. Später fand sie heraus, wie die Nationalsozialisten von dem Mädchen erfahren hatten. Ein Arzt im Stadtteil meldete das Kind. Er hatte selbst eine jüdische Frau, meinte vielleicht, sie und sich so schützen zu können. „Wir haben erfahren, dass er später seinem Leben selbst ein Ende bereitet hat.“
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