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Rundgang mit Kindergartenkindern

Fröhlich über den Friedhof

30.10.2009 | 19:06 Uhr

Kinder aus dem evangelischen Kindergarten Arche Noah in Scholven lernten den Hauptfriedhof kennen - als Ort des Lebens.

Ein Morgen wie aus dem Bilderbuch der Jahreszeiten: Bäume im bunten Blätterkleid, Nebelschwaden, die den Schall schlucken und das Licht brechen, vereinzelt Menschen, die aus dem Grau auftauchen.

Ruhe und Abgeschiedenheit liegen über dem Hauptfriedhof. Mit schnellen Schritten kommt Andreas Mäsing durch den Haupteingang, mit einem Frühstückskorb unterm Arm, nur ein paar gelbe Ginkgo-Blätter darin. Der 44-Jährige geht in die Hocke, ist auf Augenhöhe mit Laurin, Bilal, Julian, Asra, Lillith, Marlena, Leah, Filip, Yanina, Anika, Ilkay, Phillip und Jeremy. Die Kinder aus dem evangelischen Kindergarten Arche Noah in Scholven wissen natürlich, wer der Mann ist und was er beruflich macht: „Du passt auf den Friedhof auf”, lautet die Antwort. Eine andere: „Du sammelst gelbe Blätter.”

An diesem Morgen ist Andreas Mäsing nicht in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Gelsenkirchener Friedhofsgärtner-Genosssenschaft gekommen, sondern als Mann, der sich auf der 40 Hektar großen Grünfläche besonders gut auskennt. So offen wie er auf die Kinder zugeht, so unbefangen fallen ihre Antworten. Sie wissen, dass Verstorbene auf dem Friedhof begraben werden. Dass Angehörige kommen, um Kerzen anzuzünden. Dass der Friedhof ein Ort des Trauer ist.

„Wir wollen einen schönen Spaziergang machen”, verspricht Mäsing fröhlich und biegt mit den Kindern gleich in den nächsten Nebenweg. Mäsing, selbst Vater von drei Kindern, erzählt von Grabgestaltung und Grabpflege. Und von den christlichen Symbolen, die sich überall finden: Der Fisch als Zeichen für Jesus, Maria, die um ihren toten Sohn trauert, der Gekreuzigte, der den Menschen durch seine Auferstehung Hoffnung gibt. Bei diesem Rundgang geht es aber auch um ganz Profanes. „Da ist ein großes Auto”, lenkt Mäsing die Aufmerksamkeit der Kinder auf ein Gärtnerei-Fahrzeug der Gelsendienste, „das wollen wir jetzt mal überfallen.” Jubelnd laufen die Kinder los, interessiert schauen sie auf die Ladefläche mit all den Schaufeln, Spaten und Gabeln. Auf dem Feld mit den Kriegsgräbern lärmen die Laubbläser, die Laubberge laden zur lustigen Laubschlacht ein. „Der Friedhof ist ein Ort der Lebenden”, sagt Andreas Mäsing. Wie wahr.

Der Besuch auf dem Hauptfriedhof ist von den Erzieherinnen vorbereitet worden. Bettina Alker hat das Projekt „Tod und Trauer” angestoßen: „Kinder werden natürlich auch damit konfrontiert und Eltern wissen oftmals nicht, wie sie damit umgehen sollen.” Aus den Gesprächen mit ihnen weiß sie, dass einige auch ganz froh sind, dass ihnen dieses Thema abgenommen wurde. Und auch das hat sie erfahren: „Muslimische Kinder wissen gut Bescheid, weil in ihrer Tradition ganz anders damit umgegangen wird.”

Im Kindergarten wurde das Thema Sterben in einem Stuhlkreis und um eine hübsch dekorierte Mitte herum angesprochen, wurden Erklärungen gegeben und Fragen gestellt. Bettina Alker: „Die Kinder berichteten von Todesfällen in der eigenen Familie.” Trauer stellt sich aber auch bei Trennungen ein, wenn man ein geliebtes Kuscheltier verliert oder vor dem Wechsel in die Schule steht, so wie die Arche-Noah-Kinder bald. Noch bis Dezember befassen sich die Kinder mit Tod und Trauer. „Wir werden noch ein Beerdigungsinstitut besuchen und einen Steinmetz”, erzählt Bettina Alker von den Ausflügen, die in den nächsten Wochen noch anstehen.

Der Rundgang endet am Christusdornenbaum, der mit den aus der Rinde sprießenden Spitzen auffällt und dort zu finden ist, wo früher die erste Trauerhalle stand. Auf dem Rasen legen die Kinder die gesammelten Blätter, Baumrinden und Kastanien zu einem Kreuz. Sie zünden Kerzen an und singen „Gottes Liebe ist so wunderbar”. Am Kopf des Kreuzes liegt ein einzelnes gelbes Ginkgo-Blatt, das mit seiner besonderen Form und den parallel verlaufenden Adern auffällt. Ein Blatt vom Baum der Bäume. Auch ein Symbol der Hoffnung.

Fotos: Fröhlich auf dem Friedhof

Wolfgang Laufs

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2009-10-30 19:06
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