Frisches von der Rungenberghalde für die heimische Küche

Die Kräuterpädagogin Birgit Rojahn liebt die „wunderbare Deko-Pflanze“ Beifuß.
Die Kräuterpädagogin Birgit Rojahn liebt die „wunderbare Deko-Pflanze“ Beifuß.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Brigitte Rojahn möchte das alte Wissen um die Kräuter neu beleben. Daher bietet sie Erkundungstouren im Gelsenkirchener Norden an – über die Rungenberghalde oder durch die Berger Alleen. „Mein Wunsch ist es, viele Menschen für die Delikatessen am Wegesrand zu begeistern“, sagt sie.

„Mein Wunsch ist es, viele Menschen für die Delikatessen am Wegesrand zu begeistern“, sagt Brigitte Rojahn. Etwas abseits der geschäftigen Horster Straße, am kleinen Durchgang zur Rungenberghalde, begrüßt die Kräuterpädagogin an diesem Abend 14 Neugierige. Wiederholungstäter, wie sich später herausstellen soll, aber auch Frischlinge. Und Skeptiker, die sich zwar für „das alte Wissen von früher“, wie Rojahn die Kräuterkunde definiert, interessieren – aber sich nicht wagen, die Pflanzen zu probieren.

Bevor der kleine Trupp zur Erkundungstour startet, muss Rojahn zunächst eine Warnung loswerden. „Was ich nicht kenne, da lass ich die Finger von!“ Und los geht‘s.

Die gelbe Gefahr

Wunderschön gelb blühend steht es da, das Greiskraut. Auf der Rungenberg ist es nicht zu übersehen. Aber Vorsicht: Dieser Korbblütler, der 2009 mal für Furore sorgte, weil er versehentlich als Rucola verkauft wurde, ist giftig.

„Gutes und Böses liegen in der Natur dicht beieinander“, warnt Brigitte Rojahn. Nach dem Genuss dieses Krauts könne man den Satz „ins Gras beißen“ durchaus wörtlich nehmen. Tiere seien da übrigens durchaus schlauer als wir Menschen: „Kühe würden auf der Weide eher verhungern, als dass sie daran gehen“, erzählt Rojahn.

Beerenstark

Direkt daneben zieht ein rosa Blütenmeer das Auge in seinen Bann. Ein stattlicher, stacheliger Strauch grenzt die kleine Wiese vor dem abfälligen Gelände ab. Schon in der griechischen Antike schätzten die Menschen die im August reife blauschwarze Frucht. Doch Brigitte Rojahn hat weitere Tipps als nur die Brombeere zu naschen. „Aus den getrockneten Blättern, gemischt mit ein paar Beeren, kann man einen wunderbaren Tee kochen“. Aus den Blüten stellt Rojahn zudem ein Blütenbrombeergelee her.

Natürliches Viagra

Beim tiefen Blick in die Blütenbeere, brennt und kribbelt es plötzlich in Wadenhöhe auf der Haut. Der Blick nach unten erklärt das Ungemach sofort: Sanft schmiegt sich eine Brennnessel ans Bein.

Doch bevor man dem Ärger über die eigene Schusseligkeit Luft lassen kann, hebt Rojahn zur absoluten Lobhudelei über die Brennnessel, das „weltbeste Gemüse“ an. „Als Spinat zubereitet wirkt es entwässernd, als Tee ist es wegen des Kalium-Gehalts gut fürs Herz“, referiert Rojahn.

Und: Der Samen gilt als natürliches Viagra. „Die Knübbelchen sind die Männer“, weiß Wiederholungstäterin Andrea Garmhausen seit ihrer letzten, nein vielleicht auch vorletzten Führung. „Die Sternchen sind die Weibchen -- tata, tata ... „, ergänzt Rojahn. In Olivenöl gebraten oder geröstet schmecke der Samen ganz wunderbar auf Brot oder verfeinert Kartoffeln. Zugegeben: Dieses Kraut scheint wirklich vielseitig einsetzbar.

SOS-Notfallpflanze

Ach ja, und nebenan steht auch die Rettung für die immer noch brennenden Beine. Ein wenig unauffällig vielleicht. Aber sehr wirksam. „Die SOS-Notfallpflanze“ nennt Brigitte Rojahn den Spitzwegerich, eine krautige grüne Staudenpfanze. Charakteristisch ist das lange spitze Blatt mit fünf auf der Rückseite parallel verlaufenden Wasseradern. „Einfach den Pflanzensaft ausdrücken und jede Mücke kann mich gerne haben“, sagt sie. Außerdem werde dieser Wegelagerer auch als Husten- und Bronchialmittel eingesetzt.

Rojahn kennt jedes Blatt an diesem Weg, so scheint‘s. Innerhalb von einer Stunde hat das kleine Grüppchen gerade mal 50 Meter zurückgelegt. Zu entdecken gibt es noch einiges – mehr dazu im zweiten Teil der Serie „Kräuterküche Ruhrgebiet“.