Erinnerung an ein kurzes Leben
22.08.2011 | 08:08 Uhr 2011-08-22T08:08:00+0200
Gelsenkirchen-Hassel. Vor dem Haus Nr. 158 an der Polsumer Straße liegt jetzt ein Stolperstein. Er wurde zum Gedenken an ein junges Mädchen verlegt, das einer Geheimaktion der Nationalsozialisten zur Tötung behinderter Kinder zum Opfer gefallen war.
Schon von weitem ist die Menschengruppe auf der Polsumer Straße zu sehen. Vor der Haltestelle Lessingstraße stehen sie, wirken abwartend. Aber die Leute warten dort nicht auf den Bus, sondern auf die Verlegung eines Stolpersteins. Es ist das Haus mit der Nummer 158, vor dem ein kleines Denkmal für Astrid Steiner eingelassen werden soll. Trotz des Lärms von der Straße ist die Atmosphäre eher ruhig und bedächtig. Die Leute warten darauf, dass der Stein in das Pflaster geschlagen wird.
1932 wurde Astrid Steiner in Hassel geboren. Mit neun Jahren kam sie in die Provinzialheilanstalt Aplerbeck. Die Begründung dafür lautete damals offiziell „mongoloide Idiotie“ - ein genetischer Defekt, der heute als „Down-Syndrom“ bekannt ist. Dort blieb „Iri“, wie sie bei den anderen Kindern in Hassel hieß, mehr als ein Jahr. Im August 1945 verstarb das Mädchen in der Heilanstalt Marsberg - letztlich als Folge des Umgangs mit körperlich oder geistig behinderten Menschen während der nationalsozialistischen Herrschaft.
Langsam wird die kurze Lebensgeschichte des Kindes auf der Straße verlesen. Die Details aus Astrids Leben scheinen so manchem Anwesenden sichtlich nahe zu gehen. Die eigentliche Verlegung des Steins erfolgt zeitgleich. Mit wenigen Schlägen wird das alte Pflaster entfernt, gleich danach der Stolperstein eingelassen. Zum Abschluss zitiert der ehemalige Hasseler Pfarrer Rolf Heinrich ein Gedicht.
Das geschäftige Treiben rund um den Verlegeort auf der Polsumer Straße geht weiter. Mehrmals hält während der Verlegung ein Bus an der Haltestelle. Radfahrer und Fußgänger suchen sich einen Weg um die kleine Menschenmenge auf dem Bürgersteig herum. Immer wieder gibt es neugierige Blicke und Fragen, was gerade los sei.
Es ist kein großes Denkmal, das für jeden direkt sichtbar ist – vielmehr ein kleiner Anstoß, auch die vielen Einzelschicksale der Vergangenheit nicht aus den Augen zu verlieren. Es ist die sprichwörtliche Geschichte vor der eigenen Haustür, die jetzt in Hassel am Samstag lebendig wird.
Vor etwas mehr als zwei Jahren kamen die Stolpersteine zum ersten Mal nach Gelsenkirchen. Die Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig ist mittlerweile in ganz Deutschland verbreitet und auch im europäischen Ausland gibt es die kleinen Gedenktafeln. Seit dem Wochenende sind die Stolpersteine nun auch in Hassel angekommen.
Nach den öffentlichen Reden bleiben viele Bürger noch vor der Hausnummer 158 stehen. Sie tauschen sich mit den Beteiligten aus, sprechen viel Lob für die Aktion aus.
Es ist kurz vor zwölf Uhr, als sich die Gruppe langsam auflöst. Einige fahren weiter zur Verlegung des nächsten Stolpersteins, andere gehen nach Hause, einkaufen oder zum Mittagessen. Auf der Straße bleibt allein der kleine, glänzende Messing-Stein und ein paar Blumen.
12:01
Ich finde die Stolpersteine sehr gut - erinnern sie mich doch an - auch meine - Geschichte. Aber wieso wird hier auf den Seiten der WAZ nicht über das Ereignis in der Königgrätzer Strasse berichtet - bei der EWIGE GESTRIGE Hausbewohner und ein Hausbesitzer ihre braunen Parolen schreien durften?