Eine neue Ausstellung zeigt lokalen Nationalsozialismus

Die NS-Dokumentationsstätte an der Cranger Straße in Gelsenkirchen wird nach 10-monatigen Umbauten wieder eröffnet. Die Schau wurde gestaltet von ( v.l.) Dr. Daniel Schmidt (wissenschaftlicher Mitarbeiter), Prof. Dr. Stefan Goch (Leiter), Birgit Klein (pädagogische Mitarbeiterin) und Sara-Marie Demiriz (wissenschaftliche Mitarbeiterin).
Die NS-Dokumentationsstätte an der Cranger Straße in Gelsenkirchen wird nach 10-monatigen Umbauten wieder eröffnet. Die Schau wurde gestaltet von ( v.l.) Dr. Daniel Schmidt (wissenschaftlicher Mitarbeiter), Prof. Dr. Stefan Goch (Leiter), Birgit Klein (pädagogische Mitarbeiterin) und Sara-Marie Demiriz (wissenschaftliche Mitarbeiterin).
Was wir bereits wissen
Besucher der Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ beschreibt die Gräueltaten der Nationalsozialisten anhand Gelsenkirchener Biografien. Auch Zitate von Tätern werden gezeigt. So lernen Besucher den Alltag in der „Volksgemeinschaft“ kennen und verstehen.

„Ich wurde zum Exekutionskommando eingeteilt. (...) Es wurde wahllos auf die an der Grube knieenden Opfer geschossen. Da wir mit Karabinern auf eine so kurze Entfernung schossen, waren wir, und so auch ich, mit Blut bespritzt und auch mit Teilen aus dem Gehirn, da wir meist auf den Kopf zielten. Es gab reichlich Schnaps und Zigaretten und gute Verpflegung. Man machte uns praktisch betrunken, damit wir dieses grausige Geschäft überhaupt durchführen konnten. Exekutiert worden ist den ganzen Tag über. (...) An der Grube spielten sich grauenhafte Szenen ab. Manche sprangen gleich so in die Grube.“

Es sind solch schockierende Zeugnisse des Dritten Reiches wie das des Gelsenkircheners Josef Dargel, mit denen die neu gestaltete Ausstellung in der Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ zum einen den Terror dieser Zeit darstellt, zum anderen abstrakte Geschichtsdaten lokal verortet, ihnen ein Gesicht gibt - und das mit ganz neuen Themen und Ansätzen.

Neue Entwicklung in der Forschung

„Es gibt neue Entwicklungen in der Forschung“, so Prof. Dr. Stefan Goch vom Institut für Stadtgeschichte. Erst seit den 90er Jahren betreibe man überhaupt Täterforschung. Zuvor habe man sich vor allem auf den Widerstand konzentriert. Die neue Ausstellung tut das nicht. Sie stellt bewusst die „Volksgemeinschaft“ in den Mittelpunkt, beschreibt das reglementierte Leben in ihr. Gezeigt werden etwa Dokumente, die einst normal waren und heute unvorstellbar sind. Ein Zettel beschreibt, wen man heiraten durfte oder besser, wen nicht. Zu jenen zählten „geistig Kranke“, die „für die Volksgemeinschaft unerwünscht“ waren.

Schockieren wird den Besucher auch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom Juli 1933. Es beschreibt, wem das Recht Kinder zu bekommen, aberkannt wurde, darunter „Schwachsinnige“, Epileptiker, aber auch Blinde und Taube. Die Betroffenen wurden, auch in Buer und Gelsenkirchen, zwangssterilisiert. Wenig später wurden auch in Gelsenkirchen Kinder auf dem Weg zur angestrebten „Herrenrasse“ aussortiert. Dr. Maria Götz, die städtische Medizinalrätin der Stadt, sorgte mit ihren Urteilen dafür, dass viele Kinder ins hessische Hadamar verbracht wurden und dort umgebracht wurden.

Gelsenkirchener baute Gaskammern

„Dann erfolgte die Aktion T4, bei der systematisch auch kranke Erwachsene umgebracht wurden“, so Dr. Daniel Schmidt, wissenschaftlicher Mitarbeiter. „Das Interessante ist, dass hier erste Erfahrungen gesammelt wurden was die Ermordung mit Gas betrifft“, ergänzt Goch. Die Männer, die hier ihr „Handwerk“ lernten, waren später maßgeblich an der Errichtung der Gaskammern und dem Massenmord in KZ’s beteiligt. Einer von ihnen war Lorenz Hackenholt aus Gelsenkirchen. Er verschwand nach dem Krieg spurlos. Anders als etwa Dr. Maria Götz. Sie arbeitete auch nach dem Krieg für die Stadt.

Auch das ist ein neuer Aspekt: Die Ausstellung zeigt, was aus den im Verlauf vorgestellten Gelsenkirchenern geworden ist. Hierzu dient eine Wand mit Porträts am Ende der Ausstellung, die nur ganz selten Versöhnliches zu berichten weiß wie etwa, dass die junge Sinti-Frau, die interniert wurde, überlebt hat. Ein letztes Mal werden an diesem Punkt der Ausstellung Fragen zum Umgang mit Ausgrenzung aufgeworfen. Sie bieten die Diskussionsgrundlage für Besucher. Antworten gibt es bewusst nicht.