Ein Propst in Gelsenkirchen, Lidl und das 8. Gebot

Für das Gelände rund um die Bonifatius-Kirche und die angrenzenden Gebäude haben St. Urbanus und der Discounter Lidl 2014 einen Kaufvertrag unterschrieben. Lidl möchte an der Cranger Straße einen neuen Markt bauen.
Für das Gelände rund um die Bonifatius-Kirche und die angrenzenden Gebäude haben St. Urbanus und der Discounter Lidl 2014 einen Kaufvertrag unterschrieben. Lidl möchte an der Cranger Straße einen neuen Markt bauen.
Foto: Michael Korte
Propst Pottbäcker bestreitet zunächst, dass es einen Vertrag mit Lidl für das Gelände der Bonifatius-Kirche gibt. Warum sich die Gelsenkirchener Pfarrei St. Urbanus von dem Discounter über ein Jahr vertrösten lässt, sagt er nicht. Auf den Kosten für die Gebäude könnte St. Urbanus noch einige Jahre sitzen

In St. Urbanus möchte man über diesen Vertrag nicht reden. Bereits vor einem Jahr, im Juni 2014, unterschrieb unter anderem Friedrich Klute, Verwaltungschef der Pfarrei St. Urbanus, einen Kaufvertrag zwischen St. Urbanus und dem Discounter Lidl (der Kaufvertrag liegt der Redaktion vor).

Demnach erwirbt Lidl im Süden von Erle vier Grundstücke an der Cranger Straße – die, auf denen die Bonifatiuskirche und weitere leer gezogene Gemeindehäuser stehen. Bereits am 5. Juni 2014 wurde vom Amtsgericht Gelsenkirchen-Buer die Bewilligung für eine sogenannte Auflassungsvormerkung erteilt.

Seitdem passierte nichts. St. Urbanus zahlt die laufenden Kosten der Immobilien wie Grundbesitzabgaben, Gebäudeversicherungen und die jetzt von Propst Pottbäcker beklagten immensen Wachdienstkosten. Zudem verzichtet St. Urbanus auf Mieteinnahmen der Wohnungen und des Pfarrsaals.

„Der Schaden für die Kirchensteuerzahler ist damit groß“, beklagte sich jüngst ein Bueraner. Denn rein rechtlich hätte St. Urbanus den Vertrag mit dem Discounter bereits im September 2014 wieder auflösen können. Lidl hatte sich im Kaufvertrag verpflichtet, ein Baugesuch innerhalb von drei Monaten bei der Stadt einzureichen. Tat das Unternehmen aber nicht. Wie Stadtsprecher Martin Schulmann auf Anfrage bestätigte, sei die Bauvoranfrage von Lidl erst im Juni diesen Jahres bei der Verwaltung eingegangen.

Markt mit 1300 Quadratmetern

Demnach möchte Lidl an der Cranger Straße einen Laden mit knapp 1300 Quadratmeter Verkaufsfläche und über 600 Quadratmetern Nebenräumen errichten. Genehmigungsfähig sei das Vorhaben, so Schulmann. Allerdings werde es, sollte es zu einer Einigung zwischen Stadt und Discounter kommen, noch einige Jahre dauern, bis an der Cranger Straße die ersten Bagger anrollen können.

„Wir müssen einen neuen Bebauungsplan aufstellen“, erläutert Schulmann, „um zu verhindern, dass Lidl eine einfache Schnellbauhalle dort hinstellt“. Und: Man müsse die Verkehrssituation sehr genau betrachten. Die Cranger Straße sei nicht einfach: „Wir müssen prüfen, wie Linksabbieger auf das Grundstück kommen, ohne für lange Staus zu sorgen und die Straßenbahn zu blockieren“, so Schulmann.

Rücktritt vom Kaufvertrag

St. Urbanus wird also voraussichtlich noch Jahre für die ungenutzten Gebäude in Erle zahlen dürfen. Warum man unter solchen Zukunftsaussichten und einem vom Bistum auferlegten Sparzwang nicht vom Kaufvertrag zurückgetreten ist? Von einem Kaufvertrag, dessen Existenz Propst Markus Pottbäcker im Gespräch mit dieser Zeitung am 16. Juni noch abstritt. „Unterschrieben ist nichts“, sagte er letzte Woche.

Acht Tage später wirkt er zugeknöpft. Nach einem ersten, zögerlichen Dementi – „Es gibt keinen Kaufvertrag“ besinnt er sich, bevor das 8. Gebot in die Diskussion gebracht wird und sagt: „Es gibt gute Gründe für die Nichtauflösung“. Auf Nachfrage ergänzt er: „Es handelt sich um Absprachen mit den Vertragspartnern“. Kommentieren möchte er das Gerücht auch nicht, dass sich zwischenzeitlich ein weiterer Discounter mit einem lukrativen Angebot für das Gelände in der buerschen Pfarrei gemeldet hat.

Verfahren vor dem Oberverwaltungsgericht

„Lidl blockiert das Gelände“, sagt ein Insider. Aus der Luft gegriffen ist das Argument nicht. Nur 300 Meter entfernt, an der Ulrichstraße, will Lidl ebenfalls einen 1200 Quadratmeter großen Laden bauen. Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts von 2011 ist dort aber nur ein Markt von 799 Quadratmetern möglich. Lidl hat eine Beschwerde gegen den Bebauungsplan der Stadt eingelegt. „Der Vorgang liegt derzeit beim OVG und ist noch aktuell“, sagt Schulmann. Lidl hat übrigens trotz Rückrufversprechens nicht mit der WAZ geredet.

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