Der Kanonendonner kommt immer näher

BUER - WG: Kriegsende Buer
BUER - WG: Kriegsende Buer
Was wir bereits wissen
Vor 70 Jahren ging der 2. Weltkrieg zu Ende. Im März 1945 mussten die Menschen in Buer und Horst noch schreckliche Kriegstage über sich ergehen lassen. Die Alliierten flogen noch einmal verstärkt Luftangriffe.

Gelsenkirchen-Buer..  Die Karwoche 1945 brachte Buer und Horst das Kriegsende. Langsam ließen die Luftbombardements nach, dafür kam aber der Kanonendonner näher.

Oben auf dem Rathausturm saß der Bueraner Otto Herkel fast rund um die Uhr als Beobachter: Er musste der örtlichen Kommandantur im Bunker des Bergmannsheils die an- und abfliegenden Verbände melden. „Wir hatten täglich vier- bis sechsmal Alarm, an einem Tag saßen wir sieben Stunden im Keller”, schrieben die Dernbacher Schwestern am St. Marien-Hospital in ihr Kriegstagebuch. Statt der schweren Bomber flogen mehr und mehr schnelle, tieffliegende Jagdflugzeuge auf Buer zu.

An Palmsonntag, 25. März, standen die Amerikaner im Nordwesten bereits vor den Toren der Stadt. Es gab noch einmal einen Luftangriff auf Buer. Die Menschen harrten in den Kellern und Bunkern aus. „Bei Möllersbauer bleiben die im Luftschutzkeller anwesenden 50 Personen unverletzt, während die Mauern des Hauses eingedrückt wurden”, notierte Buers Pfarrer Ernst Roosen. Er selbst war mit den Bewohnern des Pastorats (heute Michaelshaus) in den Keller des Nachbarn Schossier geflüchtet. Letztlich blieb das Pfarrhaus erhalten. Fünf Treffer hatte aber die Vikarie an der Westerholter Straße (heute Helene-Weber-Haus) schwer beschädigt. Einen Treffer musste auch der Notkirchen-Saal des alten Gesellenhauses Degener hinnehmen: Die Wand hinter dem Altar wurde zerstört.

Soldaten flüchten Richtung Westerholt

Zu Beginn der Karwoche tauchte mehrmals am Tag ein tief fliegendes amerikanisches Aufklärungsflugzeug auf. Die 9. US-Armee stand inzwischen vor Polsum und Scholven. Dort und in Hassel beobachteten die Menschen, wie die deutschen Soldaten Richtung Westerholt und Herten flüchteten. Im Scholver Feld leisteten einige noch Widerstand. Heftige Kämpfe entbrannten noch einmal in Polsum, wo eine SS-Totenkopfeinheit versuchte, die Amerikaner zu stoppen.

Mitte der Karwoche hörten die Menschen, die in Buer und Horst in Kellern und Bunkern ausharrten, ununterbrochenen Geschützdonner. Der Bunker am Markt war überfüllt. Am Polizeipräsidium wurden Panzersperren aufgebaut. Im Hof des Präsidiums schleppten die letzten linientreuen Beamten große Mengen Akten zusammen, um sie zu verbrennen. In der Hochstraße waren die Schaufenster der Geschäfte zerborsten. Am Gründonnerstag verschwanden die letzten Nazi-Parteibonzen.

Amerikaner stehen vor Scholven

In Scholven standen die Amerikaner schon vor der Stadtgrenze. Englische Aufklärer sondierten die Lage. An der Nienkampstraße, so ein Zeitzeuge, versuchten noch ein, zwei Lanzer mit Maschinengewehren das Vordringen der Alliierten zu verhindern. Kopf und Kragen riskierte die Betriebsleitung der Zeche Westerholt, als ein Kommando der flüchtenden Wehrmacht beim Rückzug die Anlagen auf Anweisung von Gauleiter Meyer sprengen wollte. Mit einem Trick verhinderten sie den Plan, nur „verbrannte Erde” zu hinterlassen: Sie legten die Anlagen still und behaupteten, die Zeche sei schon völlig zerstört. Das Sprengkommando rückte ab.

Volkssturm-Versuch in Horst

In Horst versuchten die letzten Nazis noch am Dienstag, 28. März, einen Volkssturm aufzustellen, notierte der Horster Pfarrer, Propst Wilhelm Wenker. Jugendliche, kampfuntaugliche Männer und solche ab 50 wurden als „letzte Reserven” mobilisiert. Auf der Bottroper Straße legten SA-Leute eine Straßenbahn als Panzersperre quer über die Fahrbahn. „Der Geschützlärm wurde immer lauter und nervenaufreibender, letzte versprengte deutsche Soldaten, verschmutzt und müde, zogen sich zurück.”