Das gab’s wirklich - ohne Umsteigen von Buer nach Berlin

Der Vestische D-Zug beim Halt in Bottrop - kurz darauf erreichte der Zug den Bahnhof Buer-Nord.
Der Vestische D-Zug beim Halt in Bottrop - kurz darauf erreichte der Zug den Bahnhof Buer-Nord.
Foto: Recherche Stefan Ponzlet
Was wir bereits wissen
Die WAZ blickt zum Jahresstart auf ein ganz besonderes Kapitel der lokalen Fernverkehrsgeschichte - ohne Umsteigen von Buer-Nord nach Berlin.

Gelsenkirchen-Buer..  Einmal Buer - Berlin, hin und zurück, ohne Umsteigen im Schlafwagen erster Klasse: Dieser Wunsch, geäußert am Bahnhof Buer-Nord, bliebe heute ungehört. Weil es am zugigen Haltepunkt an der Königswiese keinen Fahrkartenschalter mehr gibt und weil dort nur noch die S-Bahn hält. Aber den Durchgangszug D 237 in die Hauptstadt hat es tatsächlich einmal gegeben. Stefan Ponzlet aus Gladbeck hat in Archiven und alten Zeitungsbänden recherchiert: „Die Deutsche Reichsbahn Gesellschaft DRG ließ ihn in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1927 zum ersten Mal verkehren.“ Gestartet in Oberhausen, erreichte er in Berlin den Schlesischen Bahnhof, den heutigen Hauptbahnhof.

Stefan Ponzlet: „Der neue Zug wurde als erster Schnellzug im Vest begrüßt.“ Eine Nachricht, die von der Presse mit Schlagzeilen wie „Ab nach Berlin“ und „Mit Volldampf voraus“ gern aufgegriffen wurde.

„Spießbürger aus Fuselbeck“

In der allgemeinen Euphorie jener Tage ignorierte man allerdings ein wenig die Tatsache, dass der „Vestische D-Zug“ über Recklinghausen und Münster eigentlich nur bis Osnabrück fuhr. Dort wurden die Kurswagen nach Berlin an einen aus Amsterdam kommenden Schnellzug angehängt. Trotzdem galt: Die direkte Bahnreise vom nördlichen Revier ins Berliner Zentrum war tatsächlich möglich.

Am 14. Mai 1927 setzte sich der D-Zug mit seinen drei Schnellzugwagen (1. bis 3. Klasse), einem Pack- sowie einem neuen noch „lackfrischen“ 1.- und 2.-Klasse-Mitropa-Schlafwagen an Gleis 3 des Oberhausener Bahnhofs mit geladenen Ehrengästen und Presseleuten in Bewegung. Wenig später erreichte der Zug dann Gladbeck-West. Dort stiegen um 22.55 Uhr Vertreter der Stadtverwaltung sowie Mitglieder des dortigen Verkehrsvereins zu und gaben dieser Jungfernfahrt in die Hauptstadt einen hochoffiziellen Rahmen. Sie freuten sich darüber, dass Gladbeck eigens auf den Zuglauf-Schildern genannt wurde. Noch am Tag der Abfahrt soll ein prominenter Vertreter des Gladbecker Verkehrsvereins beim Oberhausener Bahnhofsvorstand vorgesprochen und sich das Zuglaufschild zeigen lassen haben, um sich zu vergewissern, dass darauf nicht Buer-Nord stand. Die Gladbecker sollen sich, so hatte es die Buersche Zeitung beobachtet, auf infantile Weise über den kleinen Sieg gefreut und als „kleinbürgerliche Spießer aus Fuselbeck“ grinsend aus dem Zug geschaut haben. Schon wenige Monate nach der Jungfernfahrt, so berichtet Stefan Ponzlet, sei „eine gewisse Ernüchterung“ bei den Verantwortlichen der Reichsbahn eingetreten, da die Fahrgastzahlen nicht ausreichten.

Kritik am hohen Fahrpreis

Auch wurde schnell Kritik wegen des Kurswagen-Umweges über Osnabrück laut, was den Fahrpreis z. B. in der 3. Klasse auf 27,30 Reichsmark ansteigen ließ - „für damalige Verhältnisse wahrlich kein Schnäppchen“, wie Stefan Ponzlet unterstreicht. Die dauerhaft mangelnde Auslastung veranlasste die Direktion Essen nach bereits zuvor gestelltem Antrag der Mitropa, die beiden Schlafwagen zum 1. Februar 1928 aus den Zügen zu nehmen. Mit Inkrafttreten des Winterfahrplans am 5. Oktober 1930 war dann das endgültige Ende des Zuges gekommen.

Die „mangelnden Frequenzen“ mögen Schuld gewesen sein, resümierte der Lokalredakteur des „Gladbecker Anzeigers“. Ponzlet unterstreicht: „Es wäre interessant, zu erfahren, ob noch jemand der Leser sich an dieses D-Zug-Intermezzo der vestischen Eisenbahngeschichte erinnern kann, ja vielleicht sogar selbst mitgefahren ist.“