Das fliegende Klassenzimmer
03.04.2008 | 16:04 Uhr 2008-04-03T16:04:00+0200
André ist groß und hat eine kräftige Statur. Dagegen wirkt Lisa, die auf seinen Schultern steht, zerbrechlich. Die blonde Viertklässlerin mit dem rosa T-Shirt wackelt etwas in ihrer erhöhten Position, kämpft mit dem Gleichgewicht.
Dann aber streckt sie sich und reckt triumphierend die Arme in die Luft. Die Übung gelingt. André, der professionelle Akrobat, setzt das Mädchen wieder auf den Boden.
An der Astrid-Lindgren-Grundschule ist der Mitmachzirkus Paletti zu Gast. Er hat sein blau-rotes Zelt auf dem Hof errichtet und drumherum die Wohnwagen aufgebaut. Seit Montag trainieren die Kinder täglich eine Stunde mit der alt eingesessenen Zirkusfamilie Köllner-Kaselowsky. In den gemeinsamen Vorstellungen am Wochenende soll in der Manege alles glatt gehen.
Artist André übt mit seiner Gruppe noch in der Turnhalle. Mit seinem dunklen Trainingsanzug könnte er auch Fußballer sein. Er trägt die braunen Haare kurz. „In Position”, ruft er und auf das Kommando stapeln sich um ihn herum Pyramiden aus Grundschülern. Einige sind noch instabil, halten aber. „Die Kinder müssen Mut mitbringen”, sagt André Köllner-Kaselowsky. Wirklich gefährlich sind die Übungen nicht, die der 22-Jährige mit ihnen trainiert, aber sie kosten Überwindung, besonders später vor Publikum. Geschminkt und mit Kostümen sollen die Schüler als Artisten, Clowns, Jongleure und Dompteure das Gelernte vorführen. Die Auftritte sollen das Selbstbewusstsein und die Persönlichkeit stärken. Deshalb hat Schulleiter Karl Fischer den Zirkus auf den Hof geholt.
Genau wie die Astrid-Lindgren-Schüler hat auch Zirkusprofi André Köllner-Kaselowsky einmal angefangen. Auch er wurde durch die Luft gewirbelt, gestemmt und als menschlicher Baustein verwendet. In der Manege wird er zwischen den Auftritten der Kinder beweisen, was er seitdem alles dazugelernt hat.
In der Manege steht jetzt noch Mutter Gabriele Köllner-Kaselowsky. Auf dem Boden fehlt das Sägemehl, es riecht nach den Ziegen, deren Dressur hier bis eben noch im Gange war. Die Zirkusfrau hält die Hand der Schüler, während sie wacklig, aber festen Schrittes über ein Stahlseil balancieren, das etwa einen halben Meter über dem Boden gespannt ist. Vorwärts, rückwärts, ein Tuch vom Seil aufheben: „Man sieht an den Bewegungen sehr schnell, wer zuhause nur vor dem Fernseher sitzt”, sagt die erfahrene Artistin.
In der Turnhalle hat derweil die Sechser-Pyramide gehalten. Die Schüler applaudieren und die kleinen Artisten verbeugen sich. Das haben sie als erstes gelernt.
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