Carola Theiß – die Aufstehfrau in Buer

Boxte sich ihr gesamtes Leben lang durch: Carola Theiß, einst Geschäftsleiterin von Hertie in Buer, heute selbstständige Einzelhändlerin auf der Domplatte.
Boxte sich ihr gesamtes Leben lang durch: Carola Theiß, einst Geschäftsleiterin von Hertie in Buer, heute selbstständige Einzelhändlerin auf der Domplatte.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
2009? Es war ein turbulentes, hartes Jahr für Carola Theiß: Erst erfuhr die Geschäftsleiterin von Hertie in Buer vom geplanten Aus ihrer Filiale, dann starb ihr Mann. Aber aufzugeben, hat sie sich nie erlaubt. Wenig später machte sie sich selbstständig.

Gelsenkirchen-Buer..  Aufgeben? „Das gilt nicht für mich“, sagt Carola Theiß resolut und lächelt. Wieder aufstehen, sich durchboxen, dabei nicht den Blick fürs Positive verlieren: Das ist ihre Lebenseinstellung. Auch 2009, in dem für sie so turbulenten, harten Jahr, als sie, damals Hertie-Geschäftsleiterin in Buer, die Nachricht vom geplanten Aus „ihres“ Kaufhauses erhält, im März im Mann stirbt und sie im Sommer den Ausverkauf abwickeln muss, die Arbeitslosigkeit vor Augen. „Zu Hause zu sitzen, ist nichts für mich“, weiß sie nur zu gut – und eröffnet im Dezember kurzerhand ihr eigenes Lederwaren-Geschäft. Auf der Domplatte, mitten in einer Baustelle, ohne Erfolgsgarantie.

Fünf Jahre und zwei Erweiterungen später könnte sie sich mit ihren 64 Jahren eigentlich entspannt zurücklehnen: Ihr Laden brummt; ein paar Monate noch, dann lockt die Rente. Doch Carola Theiß schüttelt den Kopf mit dem sorgfältig frisierten blonden Kurzhaarschnitt. „Nein, ans Aufhören denke ich jetzt noch nicht. Dafür macht mir das Verkaufen noch zu viel Spaß. Außerdem sagen mir meine Kunden jeden Tag, wie froh sie darüber sind, dass es mein Geschäft gibt. Die kann ich doch nicht im Stich lassen!“

Mit 20 Jahren Abteilungsleiterin

Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für sich, sondern auch für ihre Kunden und erst recht für ihre Mitarbeiter („die werden doch sonst arbeitslos“): Das ist für die gebürtige Braunschweigerin selbstverständlich. Ehrgeiz und Fleiß sowieso.

Mit gerade mal 20 Jahren hatte sie es nach ihrer Ausbildung als Drogistin bereits zur Abteilungsleiterin bei Hertie in Bremen gebracht, es folgten Einsätze in Neu-isenburg bei Frankfurt und für mehr als drei Jahrzehnte in Dinslaken, später in Datteln und – ab Januar 2008 – in Buer. „Ich habe an der Hochstraße zwar nur eineinhalb Jahre gearbeitet, aber die Nachricht von der Schließung war ein Schock. Ich hatte noch so viel in der Filiale vor... Und mir war klar, dass ich mit 59 zu alt für den Arbeitsmarkt war“, erinnert sich die Geschäftsfrau noch gut an ihre Flucht nach vorn, in die Selbstständigkeit.

„Ich habe mit einem kleinen Sortiment an Taschen klein angefangen und später immer neue Marken dazu genommen. Irgendwie hatte ich im Gefühl, dass nicht zu hochpreisige Lederwaren und Reisegepäck in Buer gut funktionieren würden“, hat sie sich im Laufe der Jahrzehnte an der Verkaufsfront auch eine Portion Gelassenheit erarbeitet. Als 2011 dann ihr Kollege, mit dem sie sich das Ladenlokal teilte, in die Insolvenz ging und sie seinen Heimtextilien-Bereich übernahm, „war das schon ein Kraftakt. Aber es hat geklappt.“

„Ich muss immer vor Ort sein“

Jammern, nein, das ist ihre Sache nicht. Gut, ihre Arbeitstage sind lang: Um 8.15 Uhr fährt sie in Hünxe los („eine Strecke 40 Minuten“), um 19.30 Uhr ist sie erst wieder zurück. Freie Tage sind selten, auch wenn sie drei Teilzeitkräfte beschäftigt. „Ich muss nun mal regelmäßig vor Ort sein und sehen, dass es läuft – und was läuft. Damit ich auf den Messen auch das Richtige einkaufe.“

Ruhestand? „Vielleicht in fünf Jahren. Vorher will ich das meinen Kunden nicht antun. Wenn ich jünger wäre, würde ich in Buer glatt noch ein kleines Kaufhaus eröffnen...“