Auf der Straße eben nicht zu Hause
06.02.2012 | 17:57 Uhr 2012-02-06T17:57:00+0100
Buer. Trotz eisiger Kälte lehnen viele Wohnungslose die städtischen Übernachtungsangebote ab. Sie fürchten bestohlen zu werden. So auch Karl-Heinz: Er hat einen Schlafplatz gefunden, der kalt, aber erträglich ist.
Zuhause? Den Ort gibt es nicht für Karl-Heinz (69), nirgends. Seit zehn Jahren lebt er „auf Platte“, verbringt seine Tage auf der Straße, hin und wieder auch bei „Kollegen“, die noch ein Dach über dem Kopf haben, und natürlich im Weißen Haus, Anlaufstelle für Wohnungslose von Diakonie und Caritas in Buer. Die eisigen Nächte aber zu überstehen, ist für Obdachlose wie ihn immer wieder eine Tortur.
Wo er in der Nacht zu Montag geschlafen hat, nein, das mag niemand im Weißen Haus an der Hochstraße 80 verraten. „Das darf keiner wissen“, murmelt Karl-Heinz in seinen weißen Bart und stellt die Tasse mit dampfendem Kaffee wieder auf dem Tisch ab. Nur so viel erzählt er: „Wo ich übernachte, ist es zwar kalt, aber erträglich.“ Dabei helfe natürlich auch das eine oder andere Bierchen, „aber in Maßen“. Dass ihm ein anderer Obdachloser seinen Schlafplatz streitig machen könnte, wäre in diesen kalten Zeiten eine Katastrophe; kurzerhand einen neuen zu improvisieren, fast unmöglich.
Und in das Schalker Männerübernachtungsheim an der Caubstraße kriegt Karl-Heinz keiner ‘rein. „Die klauen dort wie die Raben, da ist der eine dem andern sein Deibel“, ist er sich sicher, weil viele „Kollegen“ ihm genau das berichtet hätten. Norbert Stumm, Leiter des Weißen Hauses an der Hochstraße 80, mag das so nicht stehen lassen. „Dieses Gerücht hält sich hartnäckig, aber das ist gar nicht mehr so.“
Frank (42) weiß aus eigener Erfahrung, was Wohnungslose noch von dieser Notunterkunft fernhält. „Dort gibt es Regeln, an die sich nicht alle halten mögen. Hunde zum Beispiel und Schnaps dürfen nicht mitgebracht werden, außerdem müssen die Leute dort aufeinander Rücksicht nehmen. Nach Jahren der Einsamkeit auf der Straße klappt das aber nicht mehr so gut“, sagt der Arbeitslose, der selbst zweieinhalb Jahre obdachlos war. Den Kontakt zu alten Bekannten im Weißen Haus hält Frank immer noch, auch wenn er seit sechs Jahren wieder ein Dach über dem Kopf hat. Dafür ist er gerade in Nächten mit Außentemperaturen von -10 bis -15 °C besonders dankbar.
So geht es auch dem arbeitslosen Ingo (36). Trotzdem hat er mit der Kälte zu kämpfen – Strom und Heizung wurden ihm abgestellt. Zum wiederholten Mal hat er sich deshalb eine Bronchitis zugezogen. „Nachts unter der Bettdecke geht’s, aber tagsüber ist es eigentlich nicht auszuhalten.“ Im Weißen Haus kann er sich zwischen 8 und 14 Uhr aufwärmen, Mittagessen für 50 Cent bekommen – das hilft schon über den halben Tag.
„Zu erfrieren braucht in Gelsenkirchen niemand“, betont indes Stumm; die Wohnungslosen müssten die Angebote an der Caubstraße und Emscherstraße nur nutzen.
Rund 30 Betroffene besuchen täglich das Weiße Haus, „tatsächlich obdachlos sind etwa zehn“, so der Sozialarbeiter. „Etliche übernachten bei Kumpeln, die noch eine Bleibe haben, einige haben wir aber auch vor dem Winter in eine Langzeittherapie-Einrichtung zur Entgiftung vermitteln können. Andernfalls hätte einer von ihnen diesen harten Winter nicht überlebt.“
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