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Justizvollzugskrankenhaus

Gefängnispfarrer hat immer ein Päckchen Tabak dabei

10.02.2012 | 17:41 Uhr
Gefängnispfarrer hat immer ein Päckchen Tabak dabei
Kirche hinter Gittern: Der evangelische Pfarrer Hans-Christian Heine verlässt Fröndenberg nach fast 23 Jahren.

Fröndenberg.Als Pfarrer Hans-Christian Heine seine ersten Gottesdienste im Justizvollzugskrankenhaus hielt, musste er sich mit einem Provisorium begnügen: Damals, vor fast 23 Jahren, diente ein ausrangierter OP-Tisch als Altar. Heute gibt es zwar einen ordentlichen Altar, aber immer noch keine Kirche in der Klinik. Und Heine verlässt zum Ende des Monats Fröndenberg. Der 54-Jährige wechselt in die JVA Rheinbach, um näher an seinem Wohnort Bonn zu arbeiten.

Dass es in all’ den Jahren, bei den ganzen Umbauarbeiten im Justizvollzugskrankenhaus nicht gelungen ist, einen Kirchraum zu schaffen, darüber ist Heine spürbar enttäuscht. Vielleicht wird es endlich etwas, wenn denn ein Anbau mit 100 Pflegeplätzen Wirklichkeit wird. Doch das wird Heine aktiv nicht mehr erleben. Und so lange wird auch weiterhin das Foyer genutzt, um Gottesdienste zu halten. „Da kann es passieren, dass ein Notfall zum Röntgen durchgeschoben wird.“ Dabei gebe es ein Bedürfnis nach Stille, danach, vor einer Operation auch mal eine Kerze anzünden zu können.

Den oberflächlichen Betrachter mag das, bei dem Personenkreis, genauso überraschen wie die erstaunlich große Zahl an Gottesdienstbesuchern. 30 bis 40 Gefangene versammeln sich regelmäßig samstags im Foyer. Bei rund 200 Betten ist das eine Menge, wenn man bedenkt, dass etliche aufgrund der Schwere der Erkrankung nicht in der Lage sind, den Gottesdienst zu besuchen. Sicher sorgt der Gottesdienst im tristen Knast-Alltag für Abwechslung. Aber das allein kann es nicht sein, was die Häftlinge in den Gottesdienst treibt. „Viele fragen sich tatsächlich: Wie stehe ich vor Gott?“, weiß Heine.

Nur einmal musste der Gottesdienst in der ganzen Zeit ausfallen, weil Heine glatteisbedingt nicht nach Fröndenberg kam. Zusammen mit seiner Frau wohnt er nämlich in Bonn. Und das ist auch der Grund, warum er nach einem knappen Vierteljahrhundert die Stelle wechselt. Rheinbach liegt in der Nähe von Bonn. Statt eindreiviertel Stunden für eine einfache Fahrt wird Heine demnächst nur noch 20 Minuten Wegstrecke zum Arbeitsplatz zurücklegen müssen. „Später als um 6.45 Uhr darf ich nicht losfahren“, schildert Heine das, was lange Jahre jeden Morgen galt. Ab März wird er es sich leisten können, auch mal später zu starten.

Wobei die langen Fahrten für Heine nicht nur Nachteile hatten. „Ich nehme nichts von dem, was hier passiert ist, mit nach Hause.“ Um zu verarbeiten, müsse er seiner Frau nicht in anonymisierter Form erzählen, was ihm die kranken Häftlinge beichten. Und die bekennen auch vor dem evangelischen Pfarrer ihre Sünden. „Das Beichtgespräch gibt es auch in der evangelischen Kirche“, erklärt Heine, „nur längst nicht so häufig.“ Für jeden Christen gehört die Beichte zur Buße. Und Buße ist tätige Selbstkritik sowie der Versuch, sich zu bessern. „Ich kann zwar nichts ungeschehen machen und ihm auch nicht die Freiheit geben. Aber das Gespräch hilft.“ Zum Beispiel bei Gewalttätern, die nicht mit ihrer Tat fertig werden. „Für Auftragstaten“, schiebt der Pfarrer dazwischen, „gilt das nicht.“ Aber da ist das weite Feld der Beziehungstaten. Manchmal habe sich über Jahre ein gewisser Hass aufgestaut. Und in einem Moment eskaliert alles. „Es gibt Täter, die das so gar nicht wahrnehmen, bis sie mit jemandem darüber sprechen können.“ Dabei sei er natürlich kein Therapeut, betont Heine. Aber ein offenes Ohr hilft auch. Und manchmal gibt es noch eine andere Form der Zuwendung. „Ein Gefängnispfarrer hat immer ein Päckchen Tabak in der Tasche“, sagt Heine und schmunzelt. Seit er das Rauchen selbst aufgegeben hat, bittet er die Häftlinge allerdings, den Glimmstängel erst anzuzünden, wenn er wieder gegangen ist.

Gefängnispfarrer wurde er als Kind eines geburtenstarken Jahrgangs, in dem recht viele junge Menschen einen theologischen Weg einschlugen. Die Pfarrstellen waren rar. Und so nahm er das Angebot, in Bielefeld-Brackwede junge Häftlinge seelsorgerisch zu betreuen, gern an. Damals dachte er, dass er das zwei Jahre machen würde, bevor er in eine Gemeinde wechseln könnte. Doch nach einer weiteren Station in Iserlohn und Schwerte kam der Ruf an das damals junge Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg. „Ich habe es nicht bereut, hergekommen zu sein“, sagt Heine in der Rückschau.

Fürs JVK war er ein Glücksfall. Anstaltsleiter Joachim Turowski schätzt den Mann, der eine große innere Ruhe ausstrahlt. „Das färbt auf alle Umsitzenden ab.“ Heine grenze sich nicht vom medizinischen und vollzuglichen Personal ab, sondern werde von allen als Kollege wahrgenommen. Und von den Häftlingen nicht nur als Kirchenmann, sondern als Ansprechpartner. Auch weil er, mit seiner ganzen Erfahrung, ungewöhnliche Aktionen verantwortet. Im vergangenen Sommer hat er mit den so genannten Hausarbeitern, den im JVK beschäftigten Inhaftierten, regelmäßig auf der Terrasse gegrillt. Zum Kirchentag 1992 in Dortmund nahm er fünf Hausarbeiter mit. Verabredungsgemäß trennte man sich. „Wir haben sicher nicht die selben Interessen“, erinnert sich Heine, damals gesagt zu haben. Während er über den Kirchentag ging, trafen die Hausarbeiter Angehörige. Aber alle waren pünktlich zurück. Keiner wollte den Pfarrer in Schwierigkeiten bringen.

In Rheinbach, das liegt zwischen Bonn und Euskirchen, hat Heine eine richtige Kirche in der Justizvollzugsanstalt. Endlich. Und eine seiner ersten Aufgaben wird es sein, das frisch renovierte Gotteshaus mit seinem katholischen Kollegen einzuweihen.

Birgit Kalle

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