Gefährden Mindestlohn und Bürokratie die deutsche Erdbeere?

Erntehelfer bei der Arbeit. Für das laufende Jahr erwartet der Präsident des Deutschen Bauernverbandes zehn Prozent geringere Erntemengen.
Erntehelfer bei der Arbeit. Für das laufende Jahr erwartet der Präsident des Deutschen Bauernverbandes zehn Prozent geringere Erntemengen.
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Was wir bereits wissen
Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes sagt deutschen Erdbeeren eine düstere Zukunft voraus. Regionale Anbieter sind da etwas optimistischer.

Fröndenberg/Sprockhövel.. Sie ist süß, reif, aromatisch und frisch: die deutsche Erdbeere. Ein verführerisches Früchtchen. Wer ein Pfund am Tag vernascht, muss sich um Vitamin C keine Gedanken mehr machen. Der Tagesbedarf von 300 Milligramm ist gedeckt. Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, macht sich angesichts dieser begehrenswerten Früchte große Sorgen um ihre Zukunft hierzulande.

Schuld sei am Ende der Mindestlohn. Warum? „Sowohl bei Spargel als auch bei Erdbeeren erwarten wir in diesem Jahr zehn Prozent geringere Erntemengen bei stagnierenden Preisen“, sagt Rukwied im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Das heißt für den Bauern, dass er unterm Strich weniger verdient, da die Lohnkosten gestiegen sind.“

Arbeitsintensive Produktion

Dass der Präsident zum Bauerntag in Erfurt verbal auf den Tisch haut, ist nicht ungewöhnlich. Nur so kommt die Lage der Landwirte zu Gehör. Dass er zugleich das Ende des Zeitalters arbeitsintensiver Produktion von Erdbeeren, Spargel, Gurken und Gemüse aus deutschen Landen prophezeit, schreit nach einer näheren Betrachtung.

Erdbeeren Am besten vor der Haustür, beim Erdbeerhof von Knut Schulze Neuhoff in Fröndenberg, Kreis Unna. „Wir versuchen, den Preis zu halten“, sagt der 50-Jährige. „In diesem Jahr ist es uns gelungen.“ Zahlen? Ein Kilo Erdbeeren zum Selbstpflücken kostet 2,50 Euro. Wer es bequemer will, bezahlt heute pro Kilo im Korb 4,50 Euro. „Damit können wir uns am Markt behaupten. Wir sind zufrieden.“

Schulze Neuhoff appelliert an die Kundschaft, mehr Geld für tagesfrische Ware auszugeben. Sie müsse lernen, diese Qualität zu schätzen. Wenn es nur noch um billig, billig, billig gehe, blieben Produzenten hierzulande auf der Strecke: „Kunden haben die Garantie, dass unsere Früchte tagesfrisch sind.“ Sie würden erst gepflückt, wenn sie reif und aromatisch seien. Nicht wie in anderen Ländern, in denen die Erdbeere unreif geerntet und auf die Reise geschickt würden. Sein Eindruck: „Nicht wenige Kunden haben dies aber mittlerweile erkannt.“

Zu den Auswirkungen des Mindestlohns hält er sich bedeckt. Gegenwärtig wird in der Land- und Forstwirtschaft 7,40 Euro pro Stunde gezahlt, ab 2016 sind es 8 Euro und ab 2017 8,60 Euro. „Wir zahlen unseren türkischen und polnischen Erntehelfern den Mindestlohn.“

Weniger Erntehelfer

Der Mindestlohn spielt für Landwirtschaftsmeister Dirk Gelbrich aus Sprockhövel, Ennepe-Ruhr-Kreis, nicht die entscheidende Rolle: „Vielmehr hat der Papierwust enorm zugenommen.“ Solange keine Hitzeperiode kommt, die den Markt mit Erdbeeren überschwemmt und die Preise fallen, ist er optmistisch. „In diesem Jahr“, so der 51-Jährige, „kommen wir mit den Preisen gut hin.“ Er nimmt 2,80 Euro pro Kilogramm für Selbstpflücker, 2014 waren es 2,70 Euro. In die Zukunft kann Gelbrich nicht sehen. Eine Tendenz sieht er: „Gespart wird anders. Es sind in NRW ein Viertel weniger Erntehelfer angefordert worden.“