Zwischen Börsen-Crash und Braunkohle-Aus

Die Dokumentarfotografie hat hier viele Gesichter. Einige schauen zutiefst resigniert ins Traumblau des kenianischen Lake Viktorias. Andere blicken voller Skepsis in ihr Weinglas, als würde sich am gläsernen Grund die Zukunft einer immer unberechenbareren Weltwirtschaft ablesen lassen. Und manchmal sind die Menschen und Gesichter gar nicht mehr da, hinterlassen eine Arbeitswelt ohne Arbeiter, ein Energiefeld ohne Zukunft: Vier Statements zum Zustand der Welt, die im weißen Kubus des Sanaa-Gebäudes auf der Zeche Zollverein jetzt zur Beschäftigung mit der Dokumentarfotografie einladen. Die Wüstenrot-Stiftung hat sich dieser Kunstform besonders verschrieben und lobt seit 1994 alle zwei Jahre den mit 10 000 Euro dotierten Dokumentarfotografie Förderpreis aus. Dass die Sieger mit zeitlicher Verzögerung auf Ausstellungstournee gehen, hat seinen Grund. Erst das Preisgeld ermögliche die ausführliche Beschäftigung mit dem jeweils vorgeschlagenen Thema, erklärt Kuratorin Barbara Hofmann-Johnson, die die Ausstellung anstelle des Museum Folkwang diesmal mit Studenten der Folkwang-Universität der Künste betreut hat.

Vier Preisträger stellen ihre Arbeiten vor, die sich mit intensiver Recherche gegen den medialen Ex-und-hopp-Bilderkonsum wenden. „Das Geld der anderen“ heißt das Projekt von Paula Markert. Die Hamburgerin hat die Gesichter der Finanzkrise fotografiert, hat Analysten, Finanzberatern und Hedgefondsmanagern von London bis New York in die Augen geblickt und etwas Verbindendes gesucht: den Schimmer von Gier, eine gewisse „Wallstreet“-Skrupellosigkeit? Getroffen – und in der Audioinstallation auch zu Wort kommen lassen – hat sie Chenjie Deng, die verloren im kachelkalten Flur ihres Büroturms steht oder Victor Bonilla beim Pausemachen im Park.

Weit gereist ist auch Till Müllemeister, der die Not kenianischer Fischer dokumentiert, deren Frauen sich für Fischfangrechte prostituieren und die HIV-Quote so weiter wächst. Marcel Noack ist in seine alte sorbische Heimat gefahren, um das Verschwinden des Braunkohletagebaus nach dem Atomausstieg zu zeigen. Und Christine Steiner macht menschenleere Büroräume zum soziologischen Forschungsraum. Sie zeigt klirrendkalte Lebens-Wirklichkeit, in der die Perspektiv-Verschiebung die einzige subversive Handlung sein kann.