Zitterige Hände, nervöse Füße

Fahrstunde von Emily Wittbrock bei Fahrlehrer Oliver Rademacher von der Fahrschule Malzewski . Bald will die 20-Jährige ihre Prüfung machen.
Fahrstunde von Emily Wittbrock bei Fahrlehrer Oliver Rademacher von der Fahrschule Malzewski . Bald will die 20-Jährige ihre Prüfung machen.
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Was wir bereits wissen
Fahrschüler sind immer angespannter in der Prüfung, beobachten Fahrlehrer. Die Durchfallquote ist hoch. Gleichzeitig verliert der Führerschein an Wert für die jungen Menschen. Ihnen fehlt die Zeit .

„Ist der jetzt aus?“, fragt Emily Wittbrodt, die eine Hand am Lenkrad, die andere am Schalthebel. Mitten auf der Bungertstraße in Essen-Werden hat die 20-Jährige den Motor „abgewürgt“. Hinter ihr stehen schon zwei andere Wagen. Besonders knifflig: Die Straße hat ein leichtes Gefälle. Jetzt aber mal schnell hier wegkommen, oder? „Nee, das machst du jetzt schön ruhig. Langsam den ersten Gang kommen lassen“, sagt Fahrlehrer Oliver Rademacher und fügt dann, als Emily schon längst in die nächste Straße abgebogen ist, hinzu: „Und jetzt wieder selbstständig atmen.“ Emily lächelt. „Ach Autofahren ist doch auch nur wie Fahrradfahren“, meint Rademacher. Und das macht Emily Wittbrodt ja eigentlich auch viel lieber.

Wer volljährig ist, der muss auch Autofahren können - das war viele Jahre selbstverständlich. Heute haben sich die Prioritäten für Jugendliche verschoben. Die Zeit für den Führerschein fehlt, das Auto ist kein Statussymbol mehr, das ökologische Bewusstsein wächst.

Es war im vergangenen Jahr im Oktober, als Emily Wittbrodt ihre erste Theoriestunde in der Fahrschule Malzewski hatte. „Ich fand Autofahren eigentlich nie cool, komme auch mit dem Fahrrad überall hin. Ich bin eben ein bisschen eine Öko-Braut“, sagt die 20-Jährige, die an der Folkwang-Universität Cello studiert. Erstaunlicherweise war es ihr Opa, der ihr ans Herz legte, zur Fahrschule zu gehen. Den Führerschein müsse man doch machen, habe er ihr damals gesagt.

Emily schiebt den Sitz nach vorne, stellt sich den Spiegel zurecht, legt den ersten Gang ein. „Und jetzt ganz gemütlich losfahren“, rät ihr Oliver Rademacher von der Fahrschule Malzewski. Inzwischen ist April, Emily hatte schon einige Fahrstunden. Doch seit einem Monat ist sie nicht mehr gefahren. Dafür hat sie nun ihre Theorieprüfung bestanden.„Null Fehler“, verkündet sie ihrem Fahrlehrer. „Ach, du Streber“, zieht er sie auf.

In den vergangenen Wochen hat sie sich auf den theoretischen Teil konzentriert, hat die Fragen sogar mit auf Reisen genommen. Es sind etwa 1000 Fragen, die die Fahrschüler lernen müssen. Vor der großen Reform im Jahr 1999 waren es nur halb so viele. Seit dem vergangenen Jahr wird das Wissen auch anhand von kurzen Filmsequenzen geprüft. „Es gibt jetzt zwar mehr zu lernen, aber das Schwierigkeitsniveau hat sich deshalb nicht gesteigert“, sagt Kurt Bartels, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Nordrhein.

Ein Semester hatte sich Emily Wittbrodt eingeplant. Dann wollte sie mit ihrem Führerschein durch sein. Jetzt dauert es doch länger. „Das ist aber auch keine Katastrophe. So drei bis vier Stunden brauche ich schon noch. Im Mai möchte ich dann gerne fertig sein.“

Mehrmals die Woche fahren – das ist zeitlich nicht immer zu schaffen. Die Fahrstunden müssen neben Schule oder Studium noch in den Terminkalender passen. „Die Jugendlichen sind immer länger in der Schule. Dadurch haben wir morgens weniger zu tun und abends natürlich immer mehr“, sagt Oliver Rademacher, der seit neun Jahren in seinem Job tätig ist. Kurt Bartels vom Fahrlehrerverband formuliert es noch drastischer: „Man könnte auch morgens zumachen und abends mit sieben Fahrlehrern arbeiten.“ Eine Alternative könnte eine Ferienfahrschule sein. Davon hält Bartels aber nur wenig: „Es gibt bestimmt einige, die das schaffen. Aber ich halte es für den Großteil für unrealistisch. Um etwas zu lernen, braucht man Zeit. Es muss sich setzen, reflektiert werden.“

Eigentlich hätte Emily jetzt ein bisschen Pause, bevor sie nachher zur Cello-Probe und dann ins Konzert muss. Stattdessen geht es für sie hochkonzentriert weiter. „Anfangs war ich nach einer Fahrstunde immer so ausgelaugt, dass ich erst eine Stunde geschlafen habe“, sagt sie. Inzwischen ist sie generell gelassener bei der Sache. „Da komme ich noch rüber, oder?“sagt sie mehr zu sich selbst und zieht auf die andere Fahrbahn. „Wohoo“, ruft die lebenslustige zierliche Frau. Einparken – das hat sie noch nicht gelernt. Auch die Autobahn macht ihr momentan noch ein bisschen Sorge.„Das geht da ja alles so wahnsinnig schnell.“

Die Aufregung vor der Prüfung ist bei ihr aber längst nicht so groß wie bei anderen. „Mein Eindruck ist, dass die Fahrschüler immer nervöser werden. Sicher ist das eine besondere Stresssituation, aber wer damit nicht zurecht kommt, ist vielleicht auch nicht reif genug“, findet Kurt Bartels. Gerade im Stadtverkehr gibt es zahlreiche knifflige Verkehrssituationen. Emily bleibt gelassen: „Ich kenne so viele Pfeifen, die das auch hinbekommen haben.“

Trotzdem: Die Zahl derjenigen, die durchfallen, ist hoch. In Nordrhein-Westfalen lag die Quote 2013 bei den praktischen Prüfungen bei 26,4 Prozent. Bei der theoretischen fielen 27,2 Prozent durch. Seit Jahren steigen diese Zahlen leicht an.

Kurt Bartels vom Fahrlehrerverband sieht sie aber nicht als besorgeniserregend an. Man könne sie auch anders interpretieren. Denn schließlich würden drei Viertel der Prüflinge bestehen. Eine Erklärung für die Quote hat er aber dennoch. Neben der steigenden Nervosität, die er beobachtet, sei auch ein „fehlendes Interesse an der Technik“ auszumachen. „Auch die Verkehrswahrnehmung müssen wir heute viel intensiver schulen. Wer sonst nur als Beifahrer im Auto sitzt, schaut ja kaum noch nach draußen“, sagt er.

Emily hofft natürlich, dass sie die Prüfung gleich im ersten Anlauf schafft. „Wenn es nicht klappt, muss ich mich aber auch nicht schämen“, sagt sie. Ein eigenes Auto – das kommt für sie jedoch nicht infrage. Sie ist weiter gerne mit dem Fahrrad oder der Bahn unterwegs.

Auch Studienkollegen fahren selten Auto. „Bei uns Künstlern hat eigentlich kaum jemand ein eigenes. Liegt aber auch daran, dass vielen das Geld dazu fehlt.“ Um das Autofahren nicht wieder zu verlernen, will sie das Auto ihrer Eltern hin und wieder fahren. Die wohnen allerdings in Bonn. „Ich bin aber noch häufig zu Besuch da.“