Zehn Millionen Euro am Telefon abgezockt
14.04.2010 | 20:57 Uhr 2010-04-14T20:57:00+0200
Essen. Polizei deckte Callcenter-Betrug mit 80.000 Opfern auf. Polizei und Staatsanwaltschaft setzten dem illegalen Treiben in der Innenstadt ein Ende. Nun sitzen die Strippenzieher in Haft.
Ein überdimensionales Eurozeichen als Deckenleuchte prangt über den 100 Computerarbeitsplätzen in dem Callcenter am Kopstadtplatz, an der Wand badet ein Tapete gewordener Dagobert Duck in seinen unvorstellbaren Reichtümern. Die Dollar-Zeichen stets im Blick. So gut kann es euch auch bald gehen, wenn ihr nur genug Geld ranschafft, hieß das ständig präsente Signal an die Mitarbeiter.
Die taten, was sie konnten, telefonierten sich die Finger wund und erleichterten binnen weniger Monate ihre Opfer mit leeren Versprechen auf immense Glückspielgewinne um Millionen-Summen. Doch am Ende, wie sollte es anders sein, ging es ihnen wie den Geschädigten: Sie standen ohne das versprochene Geld da. Denn Polizei und Staatsanwaltschaft setzten dem illegalen Treiben in der Innenstadt ein Ende und die Hintermänner fest.
Unter dem Verdacht des bandenmäßigen Betrugs und der Geldwäsche sitzen die drei mutmaßlichen, zum Teil vorbestraften Strippenzieher der großangelegten Abzockerei per Telefon in Untersuchungshaft: Ein 39-jähriger Deutscher aus Mülheim und zwei 35 und 36 Jahre alte Türken aus Essen und Duisburg wurden am Dienstag bei einer Razzia mit mehr als 200 Polizeibeamten in ihren Wohnungen festgenommen.
Damit zogen die Essener Behörden einen vorläufigen Schlusspunkt unter ein mehrmonatiges Verfahren, das inzwischen als das größte seiner Art in der Republik gilt. Die Dimension sprengt in der Tat jeden vorstellbaren Rahmen: mit über 80.000 Opfern aus dem gesamten Bundesgebiet, denen auf betrügerische Weise mindestens zehn Millionen Euro abgenommen wurden, mit beschlagnahmten Hotels und Mehrfamilienhäusern in mehreren Städten im Wert von bis zu acht Millionen Euro, in die die Kriminellen investierten, um ihr schmutziges Geld zu waschen, und mit 61 vorläufig festgenommenen Callcenter-Mitarbeitern, gegen die ebenfalls ermittelt wird.
Rhetorisch geschult
Überwiegend sind es junge Leute zwischen 18 und 30, die – immerhin sozialversicherungspflichtig beschäftigt – rund 1000 Euro im Monat bekamen, für Vieltelefonierer war mehr drin. Die kriminelle Masche verfing: Nahezu wahllos wurden die Opfer aus- und dann angewählt. Es waren vor allem ältere Menschen, denen die rhetorisch besonders geschulten Callcenter-Mitarbeiter eintrichterten, an einem Gewinnspiel teilgenommen zu haben. Bislang sei das kostenlos gewesen, jetzt aber werde es kostenpflichtig und selbst der, der nicht mehr mitspielen wolle, obwohl er nie gespielt hat, habe eine dreimonatige Kündigungsfrist, in der so oder so Gebühren fällig werden – bis zu 90 Euro
Wer sich am Telefon wehrte, anstatt gleich aufzulegen, wurde nicht selten bedroht mit Inkasso-Unternehmen oder Rechtsanwälten. Nicht wenige der verunsicherten Senioren rückten am Ende sogar ihre Bankdaten heraus, auf die man besonders scharf war – ganze Konten wurden so geplündert, Opfer mussten sogar Kredite aufnehmen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, sagte gestern Wolfgang Seitz, Leiter des Betrugskommissariates, der die erfolgreiche Arbeit der Ermittlungskommission „Teleflachs“ zusammen mit Kriminaloberrat Friedel Neuhaus und Oberstaatsanwalt Willi Kassenböhmer vorstellte. „Flachs“ deshalb, weil sich das Callcenter am Anfang der Ermittlungen nach zahlreichen Anzeigen der Opfer im September des vergangenen Jahres noch am Flachsmarkt befand, bevor es zum Kopstadtplatz wechselte.
In den Umzugskisten fanden sich 17-seitige Leitfäden, die die Mitarbeiter sicher durch die unterschiedlichsten Situationen eines Gesprächs mit den Opfern führen sollten. Etwa: „Wenn ich mit einem S-Klasse-Mercedes, der für Sie bestimmt ist, vor der Tür stehe, sagen Sie ja auch nicht, ich solle weiterfahren.“
So beredt die Mitarbeiter waren, so verschwiegen sind die mutmaßlichen Bosse. Die sagen kein Wort, haben sich einen Anwalt genommen und warten auf ihre Strafe: Bis zu zehn Jahre für jede Einzeltat sind denkbar.
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