Zeche Zollverein in Essen - Gesamtkunstwerk und Weltkulturerbe

Die Zeche Zollverein in Essen ist das bedeutendste Industriedenkmal im Ruhrgebiet.
Die Zeche Zollverein in Essen ist das bedeutendste Industriedenkmal im Ruhrgebiet.
Was wir bereits wissen
Im Laufe der Zeit sind aus den Industriedenkmälern des Ruhrgebiets sehenswerte Museen, Parks, Bühnen und Ateliers geworden. Bei Touren und Besichtigungen bieten sich tiefe Einblicke in eine Region, die in der Industriekultur ihre kulturelle Identität bewahrt. Eine Entdeckungsreise zur Zeche Zollverein in Essen.

Essen.. „Schönste Zeche der Welt“, „Wunderwerk der Technik“, „Kathedrale der Industriekultur“ – Zollverein war schon immer ein Ort der Superlative. Heute ist der weitläufige Komplex im Essener Norden das bedeutendste Industriedenkmal im Ruhrgebiet und Symbol für den Strukturwandel. Seit 2001 gehört das einzigartige Ensemble der Bergbauarchitektur zum unesco-Welterbe der Menschheit und wird nach dem Masterplan von Rem Koolhaas behutsam umgestaltet.

Längst ist in die denkmalgeschützten Maschinenhallen neues Leben eingezogen: Ausstellungen, Konzerte und Theateraufführungen locken Besucher und Touristen aus Nah und Fern. Zum Auftakt der Kulturhauptstadtjahres ruhr.2010 eröffnete das neue Ruhr Museum in der ehemaligen Kohlenwäsche – ein faszinierender Bau, in dem auch das neue Portal der Industriekultur und das Besucherzentrum Ruhr zu Entdeckungsreisen in die Geschichte der Region einladen. Als sich am 1. Februar 1932 zum ersten Mal die Räder des Förderturms auf der Schachtanlage XII drehten, ging ein industrieller Hochleistungskomplex mit weitgehend automatisierten Arbeitsabläufen in Betrieb.

[kein Linktext vorhanden] Von Beginn an galt die Zeche Zollverein als eine der modernsten und leistungsfähigsten der Welt. Tag für Tag wurden mehr als 23.000 Tonnen Rohkohle ans Tageslicht geholt – eine Förderleistung, die dem Vielfachen einer herkömmlichen Revierzeche entsprach. Mit der Gestaltung des Zechenkomplexes waren Fritz Schupp (1896–1974) und Martin Kremmer (1894–1945) beauftragt worden. Die beiden Architekten hatten bereits Erfahrungen mit dem Bergwerksbau im Ruhrgebiet. Doch dieser Auftrag war eine Herausforderung: Zum ersten Mal sollte mit dem neuen Zollverein Schacht XII eine Schachtanlage komplett aus einem Guss entstehen.

Technisch ein ästhetisches Meisterwerk

Bei der Planung haben Architekten und Ingenieure erstmals eng zusammengearbeitet. Der Zollverein Schacht XII wurde ein technisches und ästhetisches Meisterwerk. Noch heute besticht die symmetrische Anordnung der Gebäude auf zwei Blickachsen. Die komplett erhaltenen 20 Einzelgebäude bilden die technischen Arbeits- und Produktionsabläufe ab.

Durchgestaltet bis in die Details der Lampen, Treppengeländer und Türgriffe ist die Anlage ein harmonisches Gesamtkunstwerk. Selbst Fördergerüst und der nicht mehr erhaltene Schornstein hinter dem heutigen Design Zentrum Nordrhein- Westfalen waren Gestaltungselemente einer architektonischen Gesamtkomposition. Unmittelbar nach Schließung von Zeche (1986) und Kokerei (1993) wurden die Anlagen unter Denkmalschutz gestellt. Die Internationale Bauausstellung Emscher Park (1989–1999) entwickelte erste Konzepte für die Neunutzung und begann mit der bis heute andauernden Sanierung der Anlagen.

Bergwerk der Superlative

Von Zollverein aus wurde deutsche Industrie- und Wirtschaftsgeschichte geschrieben: das Bergwerk galt als eines der größten und leistungsfähigsten Europas. Zwischen 1847 bis 1986 wurden insgesamt 220 Mio. Tonnen Kohle abgebaut, über und unter Tage waren bis zu 8.000 Bergleute im Schichtwechsel beschäftigt. Als Gründungsjahr der Zeche Zollverein gilt das Jahr 1847, als der Kaufmann und Industriepionier Franz Haniel nach Erfolg versprechenden Probebohrungen die Berechtigung erhielt, in den Markscheiden eines 13 Quadratkilometer großen Grubenfeldes Bergbau betreiben zu dürfen.

Das Bergwerk benannte er nach dem 1834 gegründeten Deutschen Zollverein. Fortan entwickelte sich unter Tage ein Grubengebäude mit einem Streckennetz von circa 120 Kilometern, das bei Stilllegung der Zeche 1986 bis in 1.200 Metern Tiefe reichte. Über Tage entstand in 140 Jahren aus der dünn besiedelten ländlichen Idylle der Emscherniederung mit Bauern und Köttern eine Industrielandschaft mit mehr als 50.000 Bewohnern. Erstes Zeichen dieses Einschnittes war die Eröffnung der neuen Strecke der Köln-Mindener-Eisenbahn am 15. Mai 1847, die die Felder und Wiesen in gerader Linie zerschnitt.

1851 gingen die ersten Zollverein-Kohlen über ein Anschlussgleis auf die Reise. Auf und rund um Zollverein, dem einzigen Arbeitgeber weit und breit, entstanden Werkseisenbahnen, Schachtgebäude und -anlagen, Halden, Siedlungen, Kokereien, Kirchen, Krankenhäuser und Schulen – meist vom Bergbau finanziert und gebaut. Den Takt für die Arbeit und das Leben im Schatten der Zollverein-Fördertürme gab der Betriebsplan des Bergwerks vor.

Zeche Zollverein in Essen - von Heimat, Image und Identität

Noch immer sieht man sie in den Buchhandlungen: Hochglänzende Bildbände mit Schlössern, mittelalterlichen Herrensitzen und Burgen, die das Ruhrgebiet von seiner vermeintlich schönsten Seite zeigen. Vor allem die offiziellen Regionalstrategen hatten noch in den späten 1990er Jahren die Kohle- und Stahlvergangenheit der Region rigoros ausgeblendet. Sie wollten das Image vom „Kohlenpott“ ein für allemal loswerden – vergeblich, wie sich heute zeigt. Denn was den Beamten von damals peinlich war, ist heute längst Kult.

Erst mit der Internationalen Bauausstellung (iba) Emscher Park, die von 1989 bis 1999 im Auftrag des Landes NRW ein städtebauliches Erneuerungsprogramm im nördlichen Ruhrgebiet durchsetzte, fand ein öffentlicher Bewusstseinswandel statt. Deren Chef und Vordenker Prof. Karl Ganser machte die baulichen Hinterlassenschaften aus der prägende Epoche der Industrialisierung des Ruhrgebiets zum großen Thema: Malakoff-Türme und Maschinenhallen, Kokereien und Zechen, Halden und Fördergerüste.

Jede Menge Überzeugungsarbeit

Vieles war bereits in den Jahrzehnten zuvor abgebrochen und für immer dem Erdboden gleichgemacht worden – vergleichsweise wenig konnte geradezu in letzter Minute vor dem Abriss gerettet werden. Und nicht immer gab es gleich ein Konzept, wie man das Erhaltenswerte mit neuem Leben füllen kann.

Jede Menge Überzeugungsarbeit war nötig, um solche Kommunalpolitiker zu überzeugen, die den neuen Landschaftspark Duisburg-Nord als „großen Schrotthaufen mit tausend bunten Glühbirnchen“ bezeichneten und stattdessen vom Gewerbepark mit Baumarkt, SB-Tankstelle und Kentucky Fried Chicken träumten.

[kein Linktext vorhanden] Erbitterten Widerstand leisteten auch jene regionalen Öffentlichkeitsarbeiter, die seit den 1980er Jahren Worte wie „Revier“, „Kohle“ oder „Pott“ per Mitarbeitervermerk aus den Gedächtnissen streichen wollten. Und die in Anzeigen, Büchern und Broschüren das Bild vom Ruhrgebiet so weich und sauber zeichneten, dass man es selbst als Einheimischer nicht wieder erkannte.

Dennoch: Langsam, aber unaufhaltsam wurden die Relikte der Industrialisierung zu positiven Imageträgern – und zu einer Art trotzigem Markenzeichen einer Region, die sich neu erfindet. Schützenhilfe bekam die iba von unzähligen Geschichtsvereinen, in denen sich auch ehemalige Bergleute engagierten.

Mit einer großen Portion Tatkraft, Sturheit und liebenswerter Nostalgie bewaffnet, waren sie es, die alte Maschinenhallen vor Verfall und Vandalismus bewahrten, stillgelegte Fördermaschinen vor dem endgültigen Verrosten. Einige dieser „Ehemaligen“ sind noch heute in dem 1991 gegründeten regionalen Netzwerk „Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher“ aktiv.

Können die baulichen Hinterlassenschaften der Kohle- und Montanindustrie tatsächlich für einen Neuanfang des Ruhrgebiets stehen? Diese Frage wird man endgültig wohl erst dann beantworten können, wenn Standorte wie Zollverein in Essen oder das Gelände der ehemaligen Union-Brauerei in Dortmund sich im Alltag behauptet haben.

Fest steht allerdings schon jetzt: Ohne das, was man heute als Industriekultur bezeichnet, wäre Essen für das Ruhrgebiet niemals Kulturhauptstadt Europas geworden.