Wo sich noch Sterntaler verdienen lassen

Wenn’s im tiefsten Sommerloch an fremden Gästen mangelt, dann dürfen auch die Einheimischen ran: „Zu Gast in deiner Stadt“ heißt das Motto, mit dem Essener vom 29. Juli bis zum 2. August ihre Heimatstadt wieder mal aus Touristen-Sicht erkunden können: 14 Hotels machen mit, zum Spott-Preis von zehn Euro pro Stern und Nacht.

Ein schöner Marketing-Gag, denn so günstig kommen Auswärtige hier sonst nirgends unter. Und wenn man dem Wuppertaler Beratungsunternehmen Schollen Glauben schenken möchte, dann bleibt der hiesige Hotelmarkt auch ein lohnendes Geschäft.

Dies, obwohl ein halbes Dutzend neuer Quartiere in guter Lage baureif projektiert sind. Denn parallel zu den Betten-Zahlen, so schätzen die Experten von Schollen in ihrem „Hotelmarkt Report NRW 2015“, dürften auch die Übernachtungszahlen steigen. Die sind im Kulturhauptstadt-Jahr 2010 einst um rund ein Drittel nach oben geschnellt und seither – sehr zu Überraschung mancher Beobachter – nicht wieder auf das alte Niveau abgesackt.

Folge für die Branche: Die jetzige Bettenauslastung von 42,3 Prozent – das ist Platz 10 in NRW – werde man wohl „mindestens halten können“, es bestehe aber durchaus noch „Luft nach oben“, weshalb Investoren und Betreibern auch in Zukunft Sterntaler winken: „Wir sehen aktuell in Essen noch gewisses Potenzial für die Markenhotellerie quer durch alle Segmente – mit Ausnahme von 5-Sterne-Hotels, die im Ruhrgebiet grundsätzlich einen schweren Stand haben“, schreiben die Berater der Schollen Hotelentwicklung GmbH.

Die Erkenntnisse der Wuppertaler teilt man auch in der Baubranche, etwa beim Projektentwickler GBI, der in Kürze auf dem Gelände des alten DGB-Hauses an der Schützenbahn eine 190-Zimmer-Herberge in Vier-Sterne-Qualität errichtet: „In der Essener Innenstadt gibt es ein hohes Nachfrage-Potenzial für Übernachtungen in diesem Segment. Das haben Marktuntersuchungen ergeben“, betont GBI-Vorstand Reiner Nittka – und verweist dabei auf die hiesigen Konzerne genauso wie auf das erfolgreiche Arbeiten-und-Wohnen-Projekt der „grünen Mitte“ im Univiertel.

Kein Wunder, dass auch Christian Schollen und seine Hotelexperten „vorsichtig optimistisch“ auf den Essener Markt schauen. Und dabei erkennen, dass hier fast die Hälfte der Unterkünfte noch der Privathotellerie zuzurechnen sind, die Marktsituation sei darum „vergleichsweise entspannt“.

Jeder zweite Gastgeber ein Privater – die einen mögen das als Zeichen der Individualität preisen, andere wittern darin dagegen die Chance auf gute Geschäfte: „Die Marktdurchdringung der Kettenhotellerie ist in Essen noch nicht so weit fortgeschritten wie in vielen anderen NRW-Großstädten“, so klingt das dann bei den Beratern von Schollen. Beim Ruhrgebietsnachbarn Oberhausen werden 77 Prozent der Hotelzimmer einer Kette zugerechnet, in Dortmund sind es 72 Prozent – der Strukturwandel habe sich hier längst vollzogen.

Kein Wunder, dass die beiden Städte beim Blick auf Angebot und Nachfrage, auf das Preisniveau und die Wettbewerbssituation, den Makrostandort und die Zukunftsaussichten Boden verlieren. Essen hingegen schafft es unter die ersten sechs in NRW – gleichauf mit Aachen und Bonn, aber noch hinter dem Spitzentrio Düsseldorf, Köln und Münster.

Warum man sich denen geschlagen geben muss, zeigt ein Blick zum Beispiel auf das Verhältnis von Übernachtungen zur Einwohnerzahl: „Tourismus-Intensität“, so heißt diese Kennziffer, und Essen kommt dabei auf 2.472 Übernachtungen je 1.000 Einwohner.

Zum Vergleich: Der Mittelwert in den untersuchten Städten liegt bei 2.824, die Landeshauptstadt Düsseldorf bringt es als Hotelstandort mit internationaler Anziehungskraft gar auf 7.500. Reviernachbar Duisburg als Schlusslicht wiederum muss sich mit dem bescheidenen Wert von 943 begnügen.

Auch in Essen scheint es also trotz Zollverein und Museum Folkwang, trotz internationaler Messen oder Kongresse noch die Chance auf mehr zu geben. Dabei mag man sich bei der Essen Marketing GmbH auch durch kleinere Rückschläge nicht entmutigen lassen: Die Übernachtungszahlen im ersten Quartal 2015 liegen nämlich um einige Prozentpunkte unter denen des Vorjahreszeitraums.

„Wir wissen nicht, woran es liegt“, heißt es bei der EMG, aber die Richtung stimmt, das sieht man auch bei Essens Wirtschaftsförderern so, die einen Trend hin zu mehr Qualität in der Unterbringung erkennen. Die Essener können es ja testen, zu Gast in ihrer Stadt: Anmeldungen sind noch bis zum 31. Mai unter 88-72062 möglich – oder online über www.essen-zugast.de