Wissen oder Nichtwissen

Kostbare Fracht: Im Kältelabor im Kinderwunschzentrum Novum
Kostbare Fracht: Im Kältelabor im Kinderwunschzentrum Novum
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Ein BGH-Urteil hat entschieden: Kinder, die durch Samenspende gezeugt worden sind, haben ein Recht darauf, die Identität ihres biologischen Vaters zu kennen. Dies bringt Reproduktionsmediziner in Zugzwang

Essen..  Wenn Paare sich ein Kind wünschen, aber wegen gesundheitlicher Einschränkungen nicht dazu in der Lage sind, gehen sie schon mal ungewöhnliche Wege. Wenn alle anderen Möglichkeiten versagen, auf natürlichem Wege, oder zumindest mit der DNA des männlichen Parts in der Beziehung, Eltern zu werden, wenden sich manche dann an eine Samenbank – die bundesweit größte, das Kinderwunschzentrum Novum, befindet sich in Essen. Gut 100.000 Kinder wurden hier über den Weg der Samenübertragung, der so genannten Insemination, seit den 70er Jahren gezeugt – die Dimension einer Großstadt.

Und die Sache mit der Samenspende wäre wohl für alle Beteiligten eine wohlfeile Lösung, bliebe da nicht die Frage, wie man das Kind über die Art seiner Zeugung aufklärt. Und vor allem: Ob man dies überhaupt tut. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes hat diese alte Diskussion wieder Fahrt aufgenommen. So geht aus dem Richterspruch hervor, dass Spenderkinder grundsätzlich das Recht haben, frühzeitig den Namen ihres biologischen Vaters zu erfahren.

Dies bringt Reproduktionsmediziner in Bedrängnis, wird es doch schwieriger denn je, potenziellen Spendern immer währende Anonymität gegenüber Eltern und Spenderkind zuzusichern. „Jedes Paar, das sich mit seinem Kinderwunsch an uns wendet, wird von unserer Psychologin zunächst umfassend beraten“, sagt Prof. Thomas Katzorke, der als Koryphäe auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin gilt. Er hat dazu beigetragen, dass Essen sich über die Jahre bundesweit als Mekka für Paare mit Kinderwunsch etabliert hat. „Auf dieser Grundlage sollen die Eltern selbst entscheiden, ob sie das Kind über seine Herkunft aufklären oder nicht. Wir möchten unsere Klienten aber nicht bevormunden und ihnen diese Entscheidung abnehmen.“ Bei Novum seien indes nur die Spenderdaten seit 1996 dokumentiert – Zeugungen, die vorher stattfanden, ließen sich nicht mehr rekonstruieren.

Mögliche Unterhalts- und Erbansprüche

Fest steht wohl auch: Das Wissen des Kindes um die Gewissheit, dass sein sozialer Vater nicht der biologische ist, kann Probleme bereiten und zu gravierenden Konflikten in der Familie führen. So erging es etwa Marlies Paul* (*Name von der Redaktion geändert), die erst im Alter von 26 Jahren erfuhr, dass sie aus einer Samenspende entstanden ist. 1979 wurde sie am Uniklinikum Essen gezeugt und noch immer sind für sie viele Fragen offen. „Ich möchte einfach nur wissen, wer er ist, da ich meine Abstammung als Teil meiner Identität sehe. Es geht mir nicht darum, irgendeinen Vorteil aus diesem Wissen zu ziehen und darum geht es auch keinem meiner Mitstreiter“, sagt die heute 35-Jährige über ihren Verein, der sich für die Interessen von Spenderkindern engagiert.

Dieser spricht sich klar gegen die anonyme Samenspende aus – eine Position, die in der Öffentlichkeit polarisiert. „Man gewinnt den Eindruck, als würde in der Debatte auf alle Rücksicht genommen – die Spender, die anonym bleiben wollen, und die Paare, die sich ein Kind wünschen. Nur uns fragt niemand nach unserer Meinung“, sagt Marlies Paul resigniert.

Dass man den vereinsmäßig organisierten Spenderkindern mithin materielle Absichten unterstellt, macht sie traurig. Dennoch: Nach geltendem Recht könnten Spenderkinder, die ihren biologischen Vater ausfindig gemacht haben, an diesen theoretisch Unterhalts- und Erbansprüche stellen. Nicht gerade werbewirksam für eine Branche, die auf die Spendenbereitschaft gesunder, junger Männer angewiesen ist. So plädieren beide Seiten – Spenderkinder und Reproduktionsmediziner – dafür, Samenspender von juristischen Vaterpflichten zu entbinden.

Familienkrise mit den Eltern

Marlies Pauls Leben hat das Wissen um ihre Herkunft zunächst gründlich auf den Kopf gestellt – über ein Jahr hatte sie keinen Kontakt zu ihren Eltern. „Ich habe mich einfach hintergangen gefühlt.“ Viele ihrer Mitstreiter bei Spenderkinder möchten nun Halbgeschwister finden oder sich einfach nur mit anderen austauschen. Ihre Geschichten sind so unterschiedlich wie die derer, die auf natürlichem Wege gezeugt wurden – manche gehen derweil gelassen mit ihrem Wissen um und interessieren sich nicht weiter für ihre genetische Abstammung. Allerdings ist auch nur eine Minderheit darüber aufgeklärt: „90 Prozent der Eltern sagen es ihrem Kind nicht“, berichtet Katzorke aus Erfahrung.

Eine Linie, die der Arzt durchaus gutheißt. „Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen darüber, ob es dem Wohl des Kindes dient, wenn es über seine Herkunft informiert ist. Warum soll man immer zurückschauen und in der Vergangenheit wühlen – die 68er haben eigentlich dazu geführt, die Bedeutung der Gene nicht so hoch zu hängen“, sagt er mit Blick auf die Eltern. „Man muss auch verstehen, dass manche Eltern den Kontakt zum Spender per se nicht wollen. Wer möchte schon, dass sich vielleicht ständig ein Dritter in die Familie einmischt und am Ende jeden Sonntag mit am Kaffeetisch sitzt?“

Eindeutige Klärung der Rechtslage gefordert

Ob das bewusste Unterschlagen der Information gegenüber dem Spenderkind ethisch vertretbar ist – daran scheiden sich die Geister, offenbart die Diskussion um das Grundrecht auf Kenntnis der eigenen Herkunft für Katzorke auch eine gewisse Doppelmoral: „Demnach dürfte der Gesetzgeber auch keine Babyklappen oder vertraulichen Geburten dulden. In solchen Fällen lernt das Kind womöglich beide biologischen Elternteile niemals kennen.“

Gynäkologe Najib Nassar ergänzt, ebenfalls bei Novum, liegt ein Punkt besonders am Herzen: „Wir möchten die Bedürfnisse der Spenderkinder keineswegs kleinreden. Es ist nur ungerecht, dass die Ärzte nun die Verantwortung für einen Fehler übernehmen sollen, weil die Politik ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat.“ So fehle es schlicht an einer klaren rechtlichen Regelung, wie mit den Daten der Spender im Detail zu verfahren ist. Denkbar sei etwa eine zentrales Register, wo die Daten einige Jahrzehnte aufbewahrt werden müssen – „so wird es in den Niederlanden etwa erfolgreich praktiziert. Mit der jetzigen Situation sind alle unzufrieden.


INFO: Südländische Spender besonders gefragt

Kinderlose Paare zahlen für eine Insemination zwischen 4000 und 5000 Euro inklusive Voruntersuchungen. Die Kranken- und Pflegekassen übernehmen keinerlei Kosten für die Behandlung.

Potenzielle Samenspender sollten maximal 35 Jahre alt und körperlich gesund sein, sowie über psychische Stabilität verfügen. Mangelware unter den Spenden sind etwa südländische Ethnien, türkische Samenspender sind laut Novum eher die Ausnahme. Eine Samenspende wird mit circa 100 Euro honoriert.

Bei der Insemination achten die Reproduktionsmediziner darauf, dass das Kind später dem sozialen Vater ähnlich sieht – dementsprechend werden Spender ausgewählt, die dessen phänotypische Eigenschaften wie Haar- und Augenfarbe und Statur mitbringen.

Die Samenbanken werden von der Bezirksregierung Düsseldorf und von der Bundesärztekammer kontrolliert.