Wie RWE-Fan Paul Werner das Finale in Hannover erlebte

RWE-Anhänger Paul Werner am 26. Juni 1955 im Niedersachsenstadion in Hannover: „Für meine Anni und mich war die Fahrt nach Hannover die vorweggenommene Hochzeitsreise“.
RWE-Anhänger Paul Werner am 26. Juni 1955 im Niedersachsenstadion in Hannover: „Für meine Anni und mich war die Fahrt nach Hannover die vorweggenommene Hochzeitsreise“.
Foto: Paul Werner
Was wir bereits wissen
Der Essener Paul Werner (89) erlebte mit seiner Verlobten Anni vor 60 Jahren als Schlachtenbummler, wie Rot-Weiss Essen Deutscher Meister wurde.

Essen.. Es ist der größte Triumph in der mehr als hundertjährigen Geschichte von Rot-Weiss Essen. Der Gewinn der Deutschen Meisterschaft vor genau 60 Jahren – am 26. Juni 1955 – stürzte die fußballbegeisterte Reviermetropole in einen kollektiven Siegesrausch. Ein historisches Ereignis, das der Essener Paul Werner aus nächster Nähe miterlebt hat. Er saß damals als rot-weißer Schlachtenbummler auf der Tribüne des Niedersachsenstadions, dem Schauplatz des legendären Meisterschaftsfinales gegen die „Roten Teufel“ aus Kaiserslautern: ein Fußballkrimi, der verdient 4:3 für Essen endete.

„Für meine Anni und mich war die Fahrt nach Hannover die vorweggenommene Hochzeitsreise“, erzählt der 89-Jährige, „vierzehn Tage später haben wir im Kölner Dom geheiratet.“

Mit buchhalterischer Akkuratesse bewahrt Fußballfan Werner Souvenirs und Fotos, Zeitungsartikel und Erinnerungen an den ersten und einzigen rot-weißen Meistertitel auf (Fotos von Werner finden Sie in der ersten Bildergalerie im Artikel). In einem großen Karton ruht das schwarze, sauber beschriftete DIN-A-5-Heft, das dem historischen 4:3 gewidmet ist. „Das ist die Eintrittskarte, sie hat nur 7,20 Mark gekostet“, sagt er. Auf ihr steht: „Sitzplatz Gegengerade, Block C 17, Reihe 23 links.“

Alkoholverbot im Sonderzug

Die Fahrt im Sonderzug war eine Tagestour – Sonntagmorgen hin, abends zurück. Pickepacke voll seien die Wagen gewesen. „Und es herrschte schon bei der Hinfahrt allerbeste Stimmung“, erzählt Werner. 80.000 Zuschauer fasste die auf Ruinen errichte Arena, allein 15.000 Fans kamen aus Essen.

Werners Lieblinge in Szepans Meisterelf waren Boss Rahn und Penny Islacker, der im Finale drei Treffer zielte, darunter auch das umstrittene vierte Tor. War’s wirklich kein Abseits? Da wiegt Werner den Kopf schweigend hin und her. Bis es aus ihm herausplatzt: „Nein, nein, – das war niemals Abseits.“ Penny sei eben schlitzohrig gewesen, als er sich von der Torauslinie in den Strafraum schleppte und den Kopf hinhielt. „Wir sind alle jubelnd hochgesprungen.“

Schon zwei Stunden nach dem Abpfiff ging’s zurück nach Essen. Der Rot-Weiss-Fan zeigt die lachsrote Fahrkarte, auf der steht: „Ihr Sonderzug hat die Nr. Fu 5/105. Abfahrt Hannover Hbf 18.50 Uhr.“ Unvorstellbar aus heutiger Sicht: Damals herrschte in den Zugabteilen Alkoholverbot. „Wir haben ausgelassen gefeiert, aber ich habe keine Betrunkenen gesehen, Hooligans gab’s überhaupt nicht.“

Meisterschaft als "Schwung nach vorn"

Werners Herz schlug nicht nur für Rot-Weiss, sondern auch für die Nationalmannschaft. Das Wunder von Bern erlebte er 1954 auf der Tribüne des Wankdorfstadions, in seiner imposanten Fan-Karriere sollte er die Nationalelf bei 200 weiteren Länderspielen begleiten. Bei der WM 1958 in Schweden hat er drei der rot-weißen Helden von Hannover persönlich kennengelernt: Rahn, Wewers und Herkenrath. „Der Boss war ein umgänglicher Typ, zu Wewers rief er im Training immer: Langen, runter mit die Bälle.“

Die Meisterschaft genau zehn Jahre nach dem Weltkrieg – Paul Werner schaufelt mit den Händen und schwärmt: „Sie gab Essen einen richtigen Schwung nach vorn, so wie ein Jahr zuvor die Weltmeisterschaft.“ Gerne hätte er am Tag danach die Triumphfahrt seiner Meisterelf in Essen erlebt. „Aber leider musste ich arbeiten.“