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200 Jahre Krupp

Wie Krupp sich den Weg zum Mythos ebnete

03.08.2011 | 16:00 Uhr
Die Basis des Erfolgs: der nahtlose Eisenbahnradreifen, hier für eine Dampflok. Bis 1912 wurden 2,7 Millionen Stück hergestellt.

Essen. Bei Krupp wird alles groß: Die Radreifen bringen Geld, die Kanonen Ehre und Zwiespalt, das Sozialwesen schafft den „Kruppianer“ - und die Villa Hügel ist das passende Haus. Erst sind die Geschütze Ladenhüter, dann wird Essen die Rüstungsmetropole schlechthin.

Um 1869: Alfred und Bertha Krupp mit Sohn Friedrich Alfred.

Alfred Krupp ist als Unternehmer, Ideengeber und Praktiker des Stahls eine Ausnahmeerscheinung. Als genial,weil völlig neuartig aber gilt Historikern sein wacher Sinn für das, was einmal Öffentlichkeitsarbeit heißt. Fakten sind wichtig, Symbole aber manchmal sogar wichtiger. Als bei der Weltausstellung 1855 in Paris ein mehrere Tonnen schwerer Gussstahlblock aus dem Hause Krupp durch den hölzernen Hallenboden bricht, sorgt das für eine Aufmerksamkeit, die mit Geld nicht zu haben gewesen wäre.

„Das eindrucksvolle Bild einer zerstörerischen Gewalt“ - so beschreibt der amerikanische Journalist Norbert Mühlen später den Vorgang, der den Namen des immer noch bescheidenen Essener Betriebs schlagartig bekannt macht. Schon vier Jahre zuvor bei der Weltausstellung in London hatte Krupp Eindruck gemacht mit einer hübsch drapierten Gussstahlkanone. Im gesamten 19. Jahrhundert wird das Unternehmen keine Kosten scheuen, um dieses prominenteste Forum der Selbstdarstellung virtuos und mit Erfolg zu nutzen.

Die Krupp-Geschütze bleiben zunächst Ladenhüter, so sehr ihr Schöpfer auch an sie glaubt und ihre Entwicklung vorantreibt. Zur technischen Besessenheit und einem Schuss Patriotismus gesellt sich bei Alfred Krupp die klare Erkenntnis, dass eine Rüstungssparte seinem Unternehmen zur ersehnten Staatsnähe verhelfen könnte. Wäre er als Hoflieferant der preußischen Armee einmal etabliert, so würde man ihm auch auf anderen Feldern Konzessionen, Aufträge und Anerkennung nicht verweigern können. Es ist gerade dieses Verlangen nach einer Sonderstellung, das die Widerstände steigen lässt.

Die Kanonenstadt

Hintergrund
Die Drei Ringe

Zu Recht sieht Alfred Krupp die Eisenbahnradreifen als seine wichtigste Erfindung. In Form dreier aufeinander gelegter Ringe bestimmt er sie 1875 zum Firmen- und Markenzeichen. Das Design, das noch nicht so heißt, ist derart zeitlos, dass es alle Moden überlebt. Bis heute sind die Drei Ringe das Signet der Krupp-Stiftung und auch Bestandteil des Firmenzeichens des ThyssenKrupp-Konzerns.

Alfred wirbt, reicht Eingaben ein, knüpft Kontakte - aber erst 1859 folgt der entscheidende - mancher wird sagen: verhängnisvolle - Großauftrag, der den Durchbruch bringt. Auf Intervention des Königs persönlich bestellt Preußen in Essen 300 Rohre. Ein noch größerer Auftrag aus Russland ermöglicht kurz darauf Investitionen, die Essens Weg zur deutschen Rüstungsmetropole schlechthin ebnen, zur „Kanonenstadt“, wie es auf zeitgenössischen Postkarten nicht ohne Stolz heißt.

Verlässliches Geld verdienen kann die Firma bis dahin allerdings nur mit den ganz und gar friedlichen Produkten des Eisenbahnbedarfs. Anfang der 1850er Jahre gelingt Alfred Krupp die Erfindung des nahtlos geschmiedeten Gussstahlradreifens, die ein schwerwiegendes Unfallproblem der Bahn mit einem Schlag löst. Das 1853 eingetragene Patent erweist sich ein Jahrzehnt lang als Lizenz zum Gelddrucken, die aus allen Teilen der Welt hohe Summen nach Essen spült. Kaum eine Eisenbahngesellschaft kann es sich noch leisten, die alten Räder mit der Schweißnaht zu benutzen, die dazu neigen, bei voller Fahrt zu brechen.

Die Villa Hügel in der Bauphase im November 1870.

Anderthalb Jahrzehnte sprunghaften Wachstums stehen Krupp bevor. 1857 sind erstmals mehr als 1000 Arbeiter auf der Lohnliste, 1863 schon 4000, und im Jahr 1865 sogar 8000. Die Firma wird in dieser Phase zum Staat im Staate.

Zu den Werkswohnungen gesellen sich nun auch Sozialleistungen im Fall von Krankheit und Invalidität, das Altersruhegeld und eine eigene Lebensmittelkette, der „Konsum“, die den „Kruppianern“ günstiges Einkaufen ermöglicht. Als Gegenleistung erwartet Alfred Krupp unbedingte Loyalität und Verzicht auf jede Form des sozialdemokratischen Politisierens - und die Bereitschaft pädagogisierende Gängeleien bis in das private Leben hinein zu ertragen. Nicht jeder Arbeiter findet diesen Preis angemessen.

Hammer „Fritz“ hält Wohnung in beständiger Erschütterung

200 Jahre Krupp

Die rasch in das agrarische Umland wachsende Fabrik, die Siedlungen und die vielen neuen Menschen beginnen das Gesicht der so kleinstädtisch-verschlafenen Stadt Essen und der umliegenden Dörfer zu verändern. Und auch Alfred Krupp, den eine Zeitung 1864 den noch schmeichelhaft gemeinten Titel „Kanonenkönig“ verleiht, will ein bauliches Zeichen setzen.

Jahrzehnte lebt er mit Frau Bertha und dem 1854 geborenen Sohn und Erben Friedrich Alfred inmitten der Fabrik - erst im ärmlichen Stammhaus, dann in einem nur wenig bequemeren Haus nebenan, schließlich im „Gartenhaus“, einer italienisch anmutenden Villa, die allerdings in unschöner Nähe zum Hammer „Fritz“ steht, dessen Schläge die Wohnung in beständiger Erschütterung hält. Für Alfred selbst kein großes Problem: „Wenn morgen meine Hämmer wieder gehen, habe ich mehr Musik, als wenn alle Geigen der Welt spielen“, soll er seiner sensiblen und kränklichen Frau beschieden haben als sie ihn bittet, doch einmal in einen Konzertbesuch einzuwilligen.

Auch Alfred hält es aber für angezeigt, seine Macht und Solvenz zu unterstreichen: Mit dem Bau der Villa Hügel entsteht ab 1869 ein Wohnhaus und ein Symbol, das den Mythos Krupp befördert - und noch bestehen wird, wenn die Fabrik unten in der Stadt längst Geschichte ist.

Frank Stenglein



Kommentare
29.08.2011
20:20
Wie Krupp sich den Weg zum Mythos ebnete
von alphaking | #12

Krupp? Krupp Rheinhausen? Verbrecher!!!

07.08.2011
05:14
Wie Krupp sich den Weg zum Mythos ebnete
von vantast | #11

Auch heute noch ist der Tod ein Meister aus Deutschland, wie unsere allerchristlichste Kanzlerin mit den Waffenlieferungen an Diktaturen/Aggressoren in treuer Tradition beweist. Nichts dazugelernt, dafür gibt es vollen Einsatz zum Schutz von Stamm- und anderen Zellen.

04.08.2011
16:51
Wie Krupp sich den Weg zum Mythos ebnete
von allgemeinbildung | #10

Wer gerne dem Mythos nachspüren möchte hat heute Abend dazu im ZDF Gelegenheit dazu bei:
Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte
Michael Moore wetzt erneut das Messer, um die dritte Heilige Kuh seiner Landsleute zu schlachten - den Kapitalismus
http://spielfilm.zdf.de/ZDFde/inhalt/27/0,1872,1020923_idDispatch:10805540,00.html?dr=1
Erkenntnisse tuen manchmal weh!

04.08.2011
15:00
Wie Krupp sich den Weg zum Mythos ebnete
von allgemeinbildung | #9

von bernd1961
Deutschland, ein Land der Dichter und Denker! Denken Sie doch mal nach! Dichten können Sie ja schon. Wo macht die Demokratie in Deutschland seit je halt? Vor Werktoren und Kasernentoren! Was ist die Demokratie wert? Wer ist weltweit der drittgrößte Waffenexporteuer? In welchem Land sind die Reallöhne seit Jahren gesunken? In welchem Land steigt der Anteil von Menschen im Arbeitsleben im Niedriglohnbereich? Wo liegt das Land, wo über 7 Millionen Menschen von der Arbeit ausgeschlossen sind? Wo gibt es Menschen die von Ihrer Hände Arbeit nicht leben können? Wo gibt es zukünftig flächendeckend Altersarmut? In welchem Land rufen Studenten: In der Rüstung sind sie fix - für die Bildung tun sie nix! An Privatunis? Oder wegen der Studiengebühren? Wo gibt es seit Jahren akuten Mangel an Kindertagesstätten? In welchem Land werden Millarden Steuergelder an den Staatkassen vorbei ins Ausland geschafft? Welches Land in Europa erhebt die die geringsten Vermögenssteuern? Usw., usw.! Aber Rüstungsbetriebe wie Krupp durften getrost dazu beitragen Deutschland in Schutt und Asche legen zu lassen, um anschließend am Wiederaufbau zu profitieren. Und werden hier gefeiert! Denk doch mal nach!

04.08.2011
13:29
Wie Krupp sich den Weg zum Mythos ebnete
von Distanz5 | #8

Und wenn Krupp 100 Erfindungen mehr gemacht hat, 100.000 Leuten mehr Arbeit gegeben hat und 100 Mio. Mark mehr verdient hat, so ziehe ich doch vor einem Fritz Thyssen, der sich -nachdem er den verbrecherischen Charakter des Naziregimes erkannt hat- gegen die Unerstützung desselbigen entschieden hat. Auch wenn es schwerfällt zu verstehen: Unternehmer können sich auch strafbar machen, strafrechtlich wie moralisch!

04.08.2011
12:21
Wie Krupp sich den Weg zum Mythos ebnete
von kollo | #7

Krupp war Unternehmer, und die machen halt Geschäfte. Wer das sieht, wie 1&2 hat vom Unternehmertum keine Ahnung; aber umsomehr vom schöngeistigen Daherschwadronieren...

04.08.2011
10:46
Wie Krupp sich den Weg zum Mythos ebnete
von Wolkenkuckucksheimer | #6

Schöne Krupp-Serie, danke WAZ. Freue mich schon auf dem nächsten Teil. Durch Männer wie Krupp wurde der Ruhrpott groß und wohlhabend.

Von dieser Sorte bräuchte Deutschland dringend wieder welche.

04.08.2011
10:43
Wie Krupp sich den Weg zum Mythos ebnete
von findling | #5

Mythos oder - wie Krupp sich den Weg zum „eigenen Reichtum“ ebnete?
Wie üblich, die Leistungen anderer in geringerer Weise entlohnen, als diese dann beim Verkauf einbrachten und mit dem Gewinn Weiteres auf diesem Weg in Gang setzen.
Solch profanen Sachverhalt kann man dann durch „Public Relation“ zu gestalten wissen. Früher hieß das nur anders, war aber schon in der Antike verbreitet.
Wirklichkeit kann im Mythos versteckt sein, aber Krupp hat aus und in den Verhältnissen des untergehenden Feudalismus und der autoritären Fürstenherrschaft sein Ding in der Phase der Industrialisierung und des weltweiten Kolonialismus (dessen Gewinne und seines Bedarfes) machen können.

04.08.2011
10:07
Wie Krupp sich den Weg zum Mythos ebnete
von bernd1961 | #4

@ #2. Wie ich schon geschrieben habe. Hat Krupp nicht auch deswegen tausenden von Familien Arbeit und Wohlstand gegeben? hat Krupp nicht auch viel zum Aufbau Deutschlands beigetragen? (Und vergessen wir jetzt mal einfach diesen sch..ss Krieg). Hat Krupp nicht auch zu wichtigen und wegweisenden Erfindungen beigetragen? Und, und und...???
Verdammt, versuchen sie doch mal ihren Linkspopulismus zu lassen, und versuchen sie mal das POSITIVE (!!!) zu sehen! Wir leben in und für die Zukunft und sollten unseren Blick nach vorne richten statt immer nur nach hinten. Es geht um die Zukunft unserer Kinder!

04.08.2011
10:02
Wie Krupp sich den Weg zum Mythos ebnete
von bernd1961 | #3

Klar kann man hier auch mal wieder meckern und nur das negative sehen. z.B. das Krupp den Nazis hörig war oder die Arbeiter ausgebeutet hat. Aber: Ohne Krupp hätten viele tausend Familien, gerade in der damaligen Zeit, hungern müssen. Er hat Arbeit beschafft und mitgeholfen dieses Land aufzubauen, auch nach dem Krieg.
Anstatt auf solche Leute immer nur zu schimpfen, sollte man eben mal das Positive sehen.
Gerade heute ist das extrem schlimm. Es ist geradzu schick, ganz im linkspopulistischen Sinne, auf Arbeitgeber zu schimpfen und diese niederzumachen. OK, das ist bei reinen Ausbeutern (nicht alle sind so) sicherlich angebracht, z. B. Zeitarbeitsfirmen oder auch Politiker, die sich zwar nach aussen hin immer ach so sozial gaben aber sich hinterher auch nur als Ausbeuter und Vaterlandsverräter outeten, wie z.B. Gerhard Schröder oder sein Kumpan Münterfehring.

Es gibt wirklich hunderte, ja, tausende Firmen in D, die sehr gute Arbeitsbedingungen bieten, Chefs die für ihre Angestellten optimale Arbeitsbedingungen zur Verfügung stellen. Diese Leute, die ihr Herzblut in ihre Firmen gesteckt haben (z.T. unter Gefährdung ihres Familienlebens) sollte man nicht beschimpfen. man sollte sie loben, sie achten als Bürger dieses Landes, die zum Wirtschaftswachstum und letzten Endes auch zu dem Leben in einem gewissen Wohlstand beigetragen haben.
Schade nur, das wir heute mitansehen müssen wie Sozialisten wie z.B. Frau Merkel (Honecker Rache ist mehr als zutreffend!) dies wieder durch ihre Unwissenheit über unsere deutsche Vergangenheit und Geschichte zerstören wollen. Noch dümmer, das wir (Ich nicht, aber die meisten von euch) diese unfähige Person gewählt haben.

Wir sollten wieder anfangen, einen gewissen Nationalstolz zu entwickeln. In der Schule lehren, wie falsch und schlimm die Nazi Zeit war, ohne dabei den Schülern ein schlechtes Gewissen einzuhämmern. Lernen, unser Land zu lieben und jeden, der diese Liebe zerstören will aus unserem Land jagen. Wir sollten den anderen Ländern dieser Erde wieder zeigen, das wir etwas können, das wir ein Land der Dichter und Denker sind. Das wir Kriege verabscheuen und für den Frieden eintreten. Das wir mit denen kooperieren, die Frieden wollen und die bekämpfen die Krieg propagieren.
Dann, und nur dann, werden wir unsere Land wieder dahinführen wohin es gehört: An die Spitze.
(P.S.: Ich bin kein Rechter. Ich bin Demokrat mit einerm Offenen Ohr nach allen Seiten. Unser Motto sollte sein: Bleib immer in der Mitte und zupfe dir von Links und Rechts jeweils das beste heraus!)

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