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200 Jahre Krupp

Wie Krupp in der Weimarer Republik überlebte

09.09.2011 | 16:00 Uhr
Aufstellen zur Premiere: Die erste, komplett in Essen gefertigte Lokomotive begründet eine Ära, die in Essen erst in den 1990er Jahren endete.

Essen. Für Krupp ist die Weimarer Zeit eine einzige Krise. Ankommen wird der Firmeninhaber in der Demokratie nie, aber auch Hitler steht er zunächst fern. Nach dem Einmarsch französischer Soldaten muss der Unternehmer sogar neun Monate in Haft.

Die Neuerfindung eines ganzen Konzerns mit Zehntausenden Beschäftigten ist keine kleine Sache. Aber Krupp bleibt nach dem Ersten Weltkrieg nichts anderes übrig als das Wagnis einzugehen. Denn die alliierten Sieger begrenzen die deutsche Rüstung nicht nur auf ein Minimum, sie machen zumal in Essen auch Nägel mit Köpfen. Dreh- und Bohrbänke, Fräs- und Stoßmaschinen, alles was der Waffenherstellung dienen kann, kommt unter den Fallhammer. Alles in allem werden rund 9000 Maschinen unbrauchbar gemacht. Betriebswirtschaftlich ein immenser Verlust, und der Wegfall der gewinnträchtigen Rüstungssparte wird Krupp schwer zu schaffen machen.

Früher drehten sie Kanonen, in der Weimarer Republik schrauben die Kruppianer an harmloseren Werkstücken, hier Registrierkassen. Der Nimbus Kruppscher Wertarbeit ließ sich im besten Fall übertragen.
200 Jahre Krupp

Lokomotiven, Registrierkassen oder Erntegeräte, all die tausend Kleinigkeiten, mit denen das Unternehmen stattdessen versucht, wenigstens bescheidene Gewinne zu erzielen, können nur in geringen Maße einen Ausgleich schaffen. Krupp leidet zusätzlich wie fast alle Unternehmen unter den schweren politischen und wirtschaftlichen Krisen der Weimarer Republik Nur knapp schrammt man an der Pleite vorbei.

Heimlich Waffen-Kowhow nach Schweden geschafft

Ganz die Finger lässt Gustav Krupp nicht von der Rüstung, obwohl es im Direktorium Stimmen gibt, die ihm raten, dies ernsthaft zu erwägen. Die durch den Versailler Vertrag genehmigten geringen Waffenmengen sind in der Produktion nur ein teures Zuschussgeschäft, aber der Firmenleiter kann sich dennoch zu einem klaren Schnitt nicht durchringen. Heimlich und an den alliierten Kontrollen vorbei hat Krupp stattdessen Teile seines Waffen-Knowhows nach Schweden geschafft. Auf neutralem Boden arbeiten die Fachleute aus Essen in Kooperation mit der schwedischen Waffenschmiede Bofors an neuen Geschützen und Munitionstypen. Sehr viel später, 1942, liest sich das in der Werkszeitung in einem Aufsatz von Gustav Krupp („heute darf ich darüber sprechen“) so: „Ich wollte und musste Krupp, wenn auch getarnt, als Wehrbetrieb für die ferne Zukunft erhalten.“

Bücher
Krupp als literarisches Ereignis

Viele Autoren und Journalisten haben sich mit Krupp auseinandergesetzt, sind nach Essen gereist und haben aufgeschrieben, was sie sahen - oder sehen wollten. Einer der Wirkmächtigsten unter ihnen war Egon Erwin Kisch. Der sich politisch betont links verstehende Prager Journalist durchstreifte 1922 die Krupp-Stadt und verfasste eine kritische Reportage, die vor Fehlern, Übertreibungen und bewussten literarischen Erfindungen nur so strotzte. Gleichwohl wurde „Das Nest der Kanonenkönige: Essen“ vielfach für bare Münze genommen und hat das Image der Firma Krupp, aber auch der Stadt Essen in hohem Maße mitgeprägt - nicht zuletzt im Ausland. Die Historikerin Ulrike Robeck hat in einem Buch („Egon Erwin Kisch in Essen“, Klartext-Verlag, 120 Seiten, 18,95 Euro) den Text analysiert und einer historisch-kritischen Würdigung unterzogen. Am Ende bleibt nicht viel übrig von einem Autor, der eindeutig mehr Literat als Journalist war und dennoch bis heute einem renommierten Journalistenpreis seinen Namen leiht.

Nicht wissenschaftlich demaskieren, sondern auf eine Reise mitnehmen will ein zweites aktuelles Buch zum Thema. In „Krupp entdecken“ (Klartext, 104 Seiten, 12,95 Euro) beschreibt die Autorin Delia Bösch die Erinnerungsorte, an denen 200 Jahre Firmen- und Familiengeschichte Gestalt annehmen. Naturgemäß befinden sich diese Orte - fotografiert von Thomas Hintze - fast alle in Essen, doch auch Ausflüge nach Bochum und Duisburg sind enthalten. Denkmäler, Siedlungen, die Villa Hügel, das neue ThyssenKrupp-Quartier - besonders Krupp-Anfängern zeigt das Buch auf kompakte Weise den Kosmos eines ungewöhnlichen Unternehmens.

Wie so vielen Deutschen bleibt dem Firmeninhaber die junge, ungefestigte Demokratie innerlich fremd. Zu tief wurzelt Gustav Krupp im vordemokratischen, autoritären Gedankengut und Staatsverständnis der Kaiserzeit. Ereignisse wie die Besetzung des Ruhrgebiets, mit dem die französische Regierung die weitere Begleichung der Reparationen erzwingen will, erschüttern nicht nur sein Vertrauen in die Lebensfähigkeit der Republik.

Auch das Soziale leidet

Beim Einmarsch französischer Soldaten auf dem Werksgelände am 31. April 1923 kommt es zur Katastrophe, als demonstrierende Kruppianer unter Feuer geraten. 13 Tote und 15 Verletzte hat dies zur Folge. Weil Frankreich die Schuld bei Krupp ablädt, was den Tatsachen kaum gerecht wird, verbringt der Firmeninhaber sieben Monate in Haft.

Im Jahr 1929 endet der kurze Boom der „goldenen Zwanziger“, eine lang anhaltende wirtschaftliche Krise beginnt, die auch in Essen Ende 1932 ihren Höhepunkt erreicht. 200 000 Menschen, jeder dritte Bürger, lebt zu diesem Zeitpunkt von der Wohlfahrt, nur noch rund 20 000 finden Arbeit im Werk. Von den sozialen Grundsätzen ist auch Krupp abgerückt. Einmal Kruppianer, immer Kruppianer - das gilt längst nicht mehr für ein Unternehmen, das ums nackte Überleben kämpft.

Einem nützt dieses Elend: Adolf Hitler. Der Anteil, den Gustav Krupp und andere Großindustrielle am Aufstieg der NSDAP hatten, wird bis heute viel diskutiert. Fakt ist: Bis auf Fritz Thyssen, der früh zum fanatischen Anhänger mutiert (und sich ebenso früh enttäuscht abwendet), zeigen sich die Ruhr-Unternehmer bis zur Kanzlerschaft Hitlers 1933 eher spröde. Die Rhetorik, das ordinäre Wesen, das Aufpeitschen der Massen stoßen in diesen Kreisen zunächst ab. Das gilt erst Recht für die Krupps. Der Historiker Werner Abelshauser stellt klar: „Das Ehepaar Krupp hat vor der Machtergreifung weder aus der Firmenkasse noch aus ihrer Privatschatulle der NSDAP auch nur eine Mark gespendet.“

Krupp-Siedlung

Das mag verblüffen, gilt doch die Theorie vom engen Bündnis zwischen Nazis und Industrie vielen als Allgemeingut. In Wahrheit aber waren die Millionen Wähler deutlich vor den Millionen der Industrie an Hitlers Seite. Als der Diktator allerdings die Macht errungen hat, erliegt ihm der stets opportunistische Gustav Krupp nahezu widerstandslos.

Frank Stenglein



Kommentare
06.05.2012
15:01
Wie Krupp in der Weimarer Republik überlebte
von feierabend | #2

Für Krupp und Thyssen wäre es besser, den Standort als Stahlindustrie ganz aufzugeben, wenn keine Werkszerschlagung dann Verlegung - nachPolen? Rüstungsindustrie ist sowieso unmodern geworden - heute herrscht hightech und Biochemie!

21.10.2011
10:59
Wie Krupp in der Weimarer Republik überlebte
von carrot.press | #1

Zitat:
Auch das Soziale leidet
Beim Einmarsch französischer Soldaten auf dem Werksgelände am 31. April 1923 kommt es zur Katastrophe,

31. April 1923? Bitte überprüfen, denn der Aprilhat nur 30 Tage!

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