Wie junge Menschen an der VHS ihren Abschluss nachholen

Berthe Schroer kam aus dem Kamerun, zog drei Kinder groß, jetzt wird sie Krankenschwester.
Berthe Schroer kam aus dem Kamerun, zog drei Kinder groß, jetzt wird sie Krankenschwester.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Wer zur Volkshochschule geht, um Haupt- oder Realschulabschluss zu machen, hat vorher oft einiges erlebt im Leben. Fünf Porträts.

Essen.. An der VHS kann man nicht nur Englischkurse belegen oder Computerseminare. Man kann auch seinen Schulabschluss nachholen. Jedes Semester verlassen rund solcher 100 Absolventen die Volkshochschule. „Für mich ist das die letzte Chance“, sagt Michael Winkler (34). Ein Sturz vom Dach warf ihn aus der Bahn, Schädelbasisbruch, er war gerade mit seiner Mutter von Chemnitz ‘rüber nach Essen gezogen, 1994 war das. Die Genesung zog sich hin, die Konzentrationsschwierigkeiten blieben, Winkler schmiss die Schule und brach alle möglichen Maßnahmen ab, hing lieber im Mülheimer Einkaufscenter ‘rum.

Er schlug sich durch mit Hilfsarbeiter-Jobs, wurde Türsteher, dabei hatte er immer einen Traum: „Elektriker. Schon als Kind hab’ ich aus Spaß Steckdosen auseinandergenommen.“ An der VHS macht er jetzt seinen Hauptschulabschluss nach, eingebaut ist ein Berufseinstieg; eine einzigartige Kooperation zwischen VHS und der Bfz Essen. Nach dem Abschluss kann Winkler eine Ausbildung anschließen, die ihn seinem Traum ein Stück näher bringt. „Ich hab’ viel Scheiße gebaut früher“, sagt er, berichtet von Sauf-Orgien und Leuten, die ihm erzählten, dass Ausländer an allem schuld seien, „ich war jung, naiv und hab’ das geglaubt.“ Und heute? Ist ausgerechnet er mit einer Muslimin verheiratet, einer Tunesierin, schließlich ist er selbst, Winkler, zum muslimischen Glauben übergetreten. „Allerdings lebe ich den nicht aktiv, doch mich beeindruckt der familiäre Zusammenhalt in dieser Kultur. Da ist jeder für den anderen da.“ Vielleicht will Winkler einmal in seinem Leben irgendwo dazugehören.

Leute mit einer Zuwanderergeschichte

– Reem Saaid zum Beispiel (30), mit 14 kam sie aus dem Irak, begann eine Liebesgeschichte in Bonn, die unglücklich verlief, aus der aber zwei Kinder hervorgingen, und so ist Reem Saaid heute im Südostviertel alleinerziehende Mutter von zwei Mädchen, acht und neun Jahre alt, an der VHS legt sie jetzt den Grundstein für eine Bildungskarriere, die trotz aller Widrigkeiten erfolgreich verlaufen soll. „Nächstes Jahr mache ich hier meinen Realschulabschluss.“ Ihr Vater war Mediziner, in die gleiche Richtung will Reem Saaid auch gehen: „Medizinisch-technische Laborassistentin, das wäre es.“

Drei Kinder hat Berthe Schroer (34), die vor sieben Jahren aus Kamerun kam, und jetzt, da die Kinder in etwa aus dem Gröbsten ‘raus sind, will sie sich eine berufliche Perspektive aufbauen: „Ich werde Krankenschwester“, sagt sie, die VHS wird sie im Januar 2016 mit dem Realschulabschluss verlassen. „Ich helfe gerne anderen, ich möchte etwas lernen, und ich interessiere mich für Pflege.“ Wer Berthe Schroer nur wenige Augenblicke erlebt, dem wird klar: Auch diese Frau hat Optimismus und Willensstärke für zehn.

Begeisterungsfähigkeit strahlt auch Anna Reizbikh aus – die 20-Jährige sitzt im Rollstuhl, wurde mit „Offenem Rücken“ geboren, doch das ist nicht das Problem: „Das Problem, wie ein Behinderter behandelt zu werden. Die Jahre auf einer Förderschule für Körperbehinderte waren der Horror für mich.“ An der VHS geht sie diesen Sommer mit dem Realschulabschluss, dann will sie noch Abi machen und Musiktherapie studieren, denn Musik ist ihre Leidenschaft: Sie singt in vier unterschiedlichen Bands. „Es ist schwer, in der Musikbranche ein Praktikum machen zu können, wenn man im Rollstuhl sitzt“, berichtet Anna Reizbikh.

Adam Coupland (21) ist ebenfalls leidenschaftlicher Musiker, Sänger in einer Punkrock-Band, doch sein Traumjob heißt: Lehrer. „Ich möchte helfen, die Welt zu verbessern“, sagt er. Im Juni beendet er die VHS mit einem Realschulabschluss, es wäre erstmals ein solides Fundament für sein bewegtes Leben, in dem Vater oder Mutter nur selten da waren, Schule immer ein Problem darstellte und zwischendurch sogar die Obdachlosigkeit drohte. „Seit der VHS“, sagt Coupland, „geht es für mich bergauf.“ Allen ist zu wünschen, dass das erst der Anfang ist.