Wie Gartenbauer Essen mit der neuen Gruga glücklich machten

Die Dahlienarena im Jahr 1965. Im Hintergrund der Musikpavillon, der zur Bundesgartenschau entstand. Der elegante Bau wurde schon rund 20 Jahre später wieder abgerissen und durch deutliche schlechtere Architektur ersetzt.
Die Dahlienarena im Jahr 1965. Im Hintergrund der Musikpavillon, der zur Bundesgartenschau entstand. Der elegante Bau wurde schon rund 20 Jahre später wieder abgerissen und durch deutliche schlechtere Architektur ersetzt.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Horst Schröder gehörte zu den Machern der neuen Gruga. Sie waren jung, fähig und hatten Ideen. Und die Bürokratie kannte noch Grenzen.

Essen.. Einen viel geliebten Bürgerpark um fast das doppelte zu vergrößern und das im Rahmen einer Bundesgartenschau – eine solche Chance kriegt man einmal im Leben. Horst Schröder war einer dieser jungen, ambitionierten Gartenbauer, die nach Essen kamen und es schafften, eine ganze Stadt mit ihrer Arbeit glücklich zu machen. 1960 wurde nach einigen Jahren planerischer Vorarbeiten das Büro Bundesgartenschau mit 30 Mitarbeitern gegründet, im Dezember 1961 stieß der damals 32-Jährige dazu .

„Wir waren ein tolles Team, hatten aber kaum vier Jahre Zeit bis zur Eröffnung - so etwas zu schaffen, wäre heute undenkbar.“ Während inzwischen bei weit kleineren Projekten viele mitreden wollen, wurde damals im kleinen Kreis diskutiert und rasch entschieden. Und seltsam: Die Entscheidungen waren eher besser als die, die heute nach langem Palaver fallen. Wohl weil weniger faule Kompromisse nötig waren.

Die Wasserfontäne am Haupteingang wurde in wenigen Minuten ersonnen

Serie Gern erzählt Schröder die Geschichte, wie es zur Wasserfontäne am Haupteingang kam, umgangssprachlich „Bleistifte“ genannt: „Der Leiter des Büros Bundesgartenschau und ich saßen zusammen und überlegten, was wir zum Thema Wasserspiel baulich machen könnten. Plötzlich sah ich auf seinem Schreibtisch einen Köcher mit Farbstiften. Ich nahm die Stifte zwischen die Finger, hielt sie hoch und sagte: Wie wäre es damit? Er war begeistert.“

Der Entwurf, den Schröder schließlich mit Hilfe eines Rüttenscheider Kunstschmieds realisierte, passte perfekt in die dynamischen 1960er Jahre. Nicht betuliche Wassersäulen wie in Kurorten, sondern vier kräftige, weit ausholende Wasserstrahlen wurden zum Markenzeichen des Großstadt-Parks und sind es bis heute. „Es musste ja ein Bild geben“, so Schröder, der auch die Details der „Farbenterrassen“ an der Gruga-Hauptachse ersonnen hat und den Bau des Margarethensees steuerte - ebenfalls Park-Teile, die Bestand hatten.

Hundert Strafgefangene aus der „Krawehle“ für die Erdarbeiten

Auch sonst ging es beim Bau der neuen Gruga hemdsärmelig und unkonventionell zu. Schröder bekam für die gröberen Erdarbeiten über Monate 100 Strafgefangene zugeteilt, die jeden Morgen vom nahen Knast an der Krawehlstraße zu Fuß zur Baustelle liefen. „Ein paar Wachleute waren dabei, aber abgehauen ist nie einer, vielleicht mal zehn Minuten wenn irgendwo die Freundin wartete“, sagt der heute 85-Jährige schmunzelnd.

Stadtgeschichte Bei Wind und Wetter - „einmal brachte uns die Feuerwehr aus ihrem Bestand 100 Regenmäntel“ - klotzte die Ganoven-Kolonne richtig ran. „Auch weil sie dann abends besser schlafen konnten“, erinnert sich Schröder, der mit Extra-Zigarettenrationen den Arbeitseifer beförderte. „Beim Abschiedsessen hielt einer von meinen Knastologen - Typ Schrankwand - eine kleine Dankesrede: ,Herr Schröder, falls Sie mal zu uns kommen, dann sollen Sie es auch gut bei uns haben.’ Das hat mich wirklich zu Tränen gerührt.“

Beim Abbruch des Stenshofes fand sich das „romanische Haus“

Mit solchen Methoden gelang es jedenfalls, in nur vier Jahren fast 40 Hektar Brach- und Kleingartenland in einen neuen Park zu verwandeln, der neben aller Garten-Ästhetik die alte Gruga um Spiel- und Sportmöglichkeiten und aktive Freizeitgestaltung erweiterte. Viele neue Gebäude - etwa Aquarium, Terrarium und Pflanzenschauhäuser - kamen hinzu.

Ganz nebenbei fand sich beim Abbruch des alten Stenshofes noch ein hochmittelalterlicher Wehrturm der Fürstäbtissinnen, das heutige romanische Haus, das in den Park integriert wurde. Stolz war die Buga-Truppe, dass sie trotz solcher Überraschungen im Etat von rund 30 Millionen D-Mark blieb. „Für mich war es beruflich die schönste Zeit meines Lebens“, schwärmt Schröder, der in Essen blieb und später lange das Grünflächenamt der Stadt leitete.

Am 1. Mai 180 000 Besucher - Allzeitrekord

Als sich Ende April endlich die Tore öffneten und am 1. Mai erstmals die Sonne lachte, strömten allein an diesem Feiertag 180 000 Menschen in den Grugapark. Schröder: „Die Kassen waren dem Ansturm nicht gewachsen, da haben wir Gärtner kurzerhand mitgeholfen und aus Zigarrenkisten die Karten verkauft, damit die Leute in ihre Gruga kamen.“

Der Allzeit-Rekord wäre heute undenkbar, bei aller Liebe, die der Gruga immer noch entgegengebracht wird. Hat Horst Schröder einen Tipp für die jetzigen Gruga-Verantwortlichen: „Ich sage immer: Ihr müsst bunte Blumen pflanzen, selbst wenn ihr nicht viel Geld habt.“