Wie Eltern auf die Jagd nach Milchpulver für ihre Babys gehen

Ein gefragtes Produkt: Aptamil ist bei „dm“ im Hauptbahnhof stark nachgefragt, deshalb sind die Regale meistens leer.
Ein gefragtes Produkt: Aptamil ist bei „dm“ im Hauptbahnhof stark nachgefragt, deshalb sind die Regale meistens leer.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Mütter berichten von dramatischen Engpässen und ihren Einkaufsstrategien. Extreme Nachfrage aus China verursacht Rationierung der Babynahrung.

Essen.. Die leeren Regale in den Drogerie- und Verbrauchermärkten sorgen seit Tagen für regen Gesprächsstoff in Krabbelgruppen und Stillcafés: Milchpulver ist knapp – so extrem, dass manche Mutter inzwischen dem Verzweifeln nahe ist. Die WAZ wollte wissen, was sich junge Eltern in Essen einfallen lassen müssen, um Tag für Tag an das kostbare weiße Pulver zu gelangen. Genervte Mütter geben Auskunft, wir trafen sie im Eis-Café „La Luna“ im neuen Uni-Viertel.

„Es ist einfach furchtbar“, sagt Sandra Hartmann, die Mutter der kleinen Finja Marie (6 Monate), sie berichtet von regelrechten Jagdszenen. „Neulich habe ich sechs Chinesen gesehen, die in den ‘dm’ am Porscheplatz stürmten, das Regal mit Aptamil leerkauften und sich Taschen und Trolleys vollpackten.“ Ihre Freundin Katrin D., Mutter der zehn Monate alten Lina, fügt hinzu: „Zum meinem Real-Markt fahre ich schon gar nicht mehr, die waren es wohl leid und haben Aptamil ganz aus dem Programm genommen.“

Schon seit Jahren herrscht eine ungeheure Milchpulver-Nachfrage aus China. Nach schweren Skandalen, bei dem auch Säuglinge ums Leben kamen, gilt Milchpulver „made in Germany“ als besonders vertrauenswürdig. Gerne sind Chinesen sogar bereit, ein Vielfaches des deutschen Preises zu zahlen.

Zwar haben Branchenführer wie die Danone-Tochter Milupa die Produktion in den letzten anderthalb Jahren verdreifacht und den gierigen Markt vorübergehend wohl sättigen können. Doch seit einiger Zeit schnellt die China-Nachfrage dermaßen steil in die Höhe, dass ein Milupa-Sprecher nun „erhebliche Probleme“ einräumt. Die Drogeriekette „dm“ hat Milchpulver längst rationiert – pro Kunde gibt’s höchstens drei Packungen.

China-Kenner führen diesen neuerlichen Boom auf das am 19. Februar anstehende Neujahrsfest zurück, bei dem deutsches Milchpulver ein überaus begehrtes Mitbringsel und Geschenk ist.

Sandra Hartmann berichtet von angeblich gewerbsmäßigen Strukturen, ja, sogar von einer chinesischen Milchpulver-Mafia, die sich auch in Essen herausgebildet habe. „Die heuern Studenten an und sogar Obdachlose“, behauptet sie, „wer bei ‘dm’ drei Packungen kauft, erhält als Lohn einen Euro.“ Gerüchteweise werde Milchpulver aus solchen Hamsterkäufen sogar in einer eigens dafür angemieteten Wohnung in der Essener City gehortet und zwischengelagert.

Um an genug Aptamil für Töchterchen Lia (vier Monate) zu gelangen, schickt Melina B. ihren Freund Dorian und ihre Mutter los. „Wenn die mir nicht helfen würden, hätte ich echt ein Problem.“

Babynahrung Katrin geht schon seit zehn Monaten auf Jagd nach Milchpulver. Noch nie habe sie in dieser Zeit erlebt, dass ein Drogeriemarkt ausreichend Vorräte hatte. Der Panik nah war sie, als sie eines Tages nur noch Pulver für fünf Flaschen hatte und die Drogeriemarkt-Regale im Umkreis gähnend leer waren. „Aus purer Verzweiflung flehte sie die freundliche Dame von der Milupa-Hotline an – und wurde erhört. „24 Stunden später kamen per Post zwei Packungen, die übrigens nichts kosteten.“ Anschaulich schildert die junge Mutter, wie sie im Ruhrgebiet auf Einkaufstour geht. „Weil wir unsere beiden Kinder nicht alleine lassen können, ziehen wir nun zu viert los.“ Ferner telefoniert sie vorher die umliegenden Drogerien und Märkte ab. „Alle vier Wochen geht praktisch ein ganzer Tag nur fürs Milchpulver-Kaufen drauf.“

Während sich die Mütter aufregen, piept Melinas Smartphone. Auf Whatsapp sendet ihr verzweifelter Freund Dorian den aktuellen Lagebericht von der Milchpulver-Front. „Die Pre ist überall ausverkauft!!! War jetzt in 5 Läden! Bei Rewe Stoppenberg habe ich angefragt zum Zurücklegen. Die rufen uns an . . .“.