Wie eine Krupp-Fabrik-Attrappe die Bomberpiloten im Zweiten Weltkrieg narrte

Am Ende hat die „Nachtscheinanlage“ der echten Fabrik nichts genutzt: Ein Bild von den zerstörten Krupp-Werken im Mai 1945, aufgenommen aus einem US-Flugzeug.
Am Ende hat die „Nachtscheinanlage“ der echten Fabrik nichts genutzt: Ein Bild von den zerstörten Krupp-Werken im Mai 1945, aufgenommen aus einem US-Flugzeug.
Foto: Bundesarchiv
Was wir bereits wissen
Ein vergessener Bunker in Velbert kurz hinter der Stadtgrenze zu Essen führte Hobbyforscher auf die Spur einer Schein-Fabrik, die bis 1943 viele Nachtangriffe von Essen ablenkte. Genutzt hat es am Ende nichts. Durch die Erfindung und den Einsatz des Radars waren Stadt und Werk sicher auszumachen.

Essen/Velbert.. Es war ein gut gehütetes Kriegsgeheimnis, so gut, dass mancher, der es mit eigenen Augen gesehen hatte, sich später als Spinner beschimpfen lassen musste. Und es klingt tatsächlich wie eine Phantasterei: Um die Krupp-Gussstahlfabrik im Zweiten Weltkrieg vor den Angriffen von Bombern zu schützen, wurde rund zehn Kilometer weiter südlich an der Essen-Velberter Stadtgrenze mit einfachsten Mitteln, aber dennoch recht raffiniert, auf freiem Feld eine Phantomfabrik gebaut.

Die „Nachtscheinanlage“, wie sie im offiziellen Wehrmachtsdeutsch hieß, sollte die britischen Geschwader ablenken, die nachts Richtung Ruhrgebiet flogen und ihre Bombenlast über der Fabrik abladen sollten. Und kaum zu glauben: Der billig klingende Trick hatte bis Anfang 1943 sogar einigen Erfolg. Erst dann ermöglichte die Erfindung des Radars den Piloten eine ganz andere Zielgenauigkeit und machte sie von den Irrungen und Wirrungen des nächtlichen Sichtflugs unabhängig.

Schriftliche Aufzeichnungen im Krupp-Archiv

Jahrzehntelang war dieses bizarre lokale Kapitel des Weltkriegs in Vergessenheit geraten, bis eine kleine Gruppe von Velberter Heimat- und Hobbyforschern es aufarbeitete, wobei ihnen drei wesentliche Faktoren zu Hilfe kamen: die mündliche Überlieferung der ansässigen Landbewohner, die im Krupp-Archiv nach längerer Suche gefundenen schriftlichen Aufzeichnungen und ein erhaltener Leitbunker mitten im Gelände, von dem aus einige Soldaten die Attrappe zu steuern hatten. Dieser Bunker, dessen meterdicker Stahlbeton die Scheinanlagen-Besatzung schützte,erwies sich jüngst beim Tag des offenen Denkmals erneut als eine Attraktion, die über Tausend Besucher anzog.

Von hier aus wurden die elektrischen Lichtkreise geregelt, die alle möglichen Stahl-Aktivitäten vortäuschen sollten, auch gab es eine Ringbahn, die in Endlosschleife übers Gelände fuhr. Und wenn die angreifenden Piloten auf die Fabrikdach-Attrappen, den toten Schornstein und die ganze scheinbare Betriebsamkeit hereinfielen, dann konnte man sogar vermeintliche Treffer simulieren. „Es wurden kleine Bassins mit Benzin in Brand gesetzt, aus 4000 Metern Höhe sah das dann aus wie ein Bombentreffer“, sagt Jürgen Lohbeck. Die Besatzung nachfolgender Maschinen fühlte sich durch den „Erfolg“ animiert, ebenfalls die falsche Fabrik zu bombardieren.

Ein Bauer überredete die US-Soldaten, den Bunker nicht zu sprengen

Lohbeck wuchs ganz in der Nähe auf, bekam von seinem Vater immer wieder Geschichten über das „Scheindorf“ erzählt, hat inzwischen ein Buch darüber geschrieben und kennt auch den Bunker schon aus Kindertagen. Nach 1945 wurden solche Bunker im Regelfall sofort gesprengt, „doch dieser diente da schon länger als Stall, und der Bauer hat die US-Soldaten überreden können, von der Sprengung abzusehen“, sagt Lohbeck.

Der massive Beton-Kasten ist so das letzte authentische Überbleibsel der Phantomfabrik, während alle anderen Teile rasch weiterverwendet wurden. So eigneten sich die Schienen der „Werksbahn“ gut als Begrenzungspfähle für Weidezäune. „Noch heute kann man bei den Bauern hie und da die Schienen mit der Prägung ,Krupp 1941’ finden“, sagt Helmut Grau, ein weiterer Mitstreiter der Hobbyforscher-Truppe. Das beweist auch: Krupp selbst hat am Bau der eigenen Fabrik-Kopie mitgewirkt.

Rund 6000 Bomben soll die Scheinanlage in den ersten Kriegsjahren laut Schätzungen auf sich gezogen und von Essen ferngehalten haben. „Aus 4000 Metern, in dieser Höhe operierten die britischen Flugzeuge, war es bis 1943 nachts ungeheuer schwer, ein Ziel genau zu lokalisieren“, weiß Hobbyforscher Helmut Grau. Die echte Fabrik im Essener Westen war wie alle Städte und das gesamte Land nachts komplett verdunkelt.

Der Baldeneysee sollte für die Piloten kein Orientierungspunkt sein

Da war es verführerisch anzunehmen, dass dieses leicht funkelnde 2,5 mal 1,5 Kilometer große Gelände, das zum Schein sogar mit Flak-Geschützen verteidigt wurde, das gesuchte Ziel war. „Den Piloten war zudem gesagt worden, sie mögen sich an der großen Wasserfläche des Baldeneysees orientieren“, so Lohbeck. Nur: Das Wasser war zu Anfang des Krieges abgelassen worden, um genau dies zu erschweren.

So konnte bei Krupp bis Anfang 1943 jedenfalls ungestörter als gedacht produziert werden, obwohl es den Briten irgendwann gelang, viele der streng geheimen Scheinanlagen zu enttarnen, von denen es im Reichsgebiet zum Schutz von Industriebetrieben rund 300 gab. Mit abgeworfenen Holz-Bomben und der Aufschrift „wood for wood“ - machten sie dies auch deutlich.

Nachbarn der Fabrik-Attrappe wurden jeden Nacht evakuiert

Bis dahin aber mussten die Landbewohner im Norden Velberts die Bomben ertragen die eigentlich Essen zugedacht waren. „Die Bauern, die am Gelände lebten, wurden jeden Abend evakuiert und durften erst am nächsten Tag wieder auf ihre Höfe“, so Lohbeck. Tote habe es deshalb keine gegeben. „Aber die Angst der Menschen war natürlich sehr groß.“ Sich opfern für Essen und Krupp - das war viel verlangt.

Ab Januar 1943 war das vorbei und die Anlage obsolet geworden. Angst vor Bombardierung hatten jetzt andere: die Essener Zivilbevölkerung und diejenigen, die Tag und Nacht in der Gussstahlfabrik die Produktion sichern mussten. In den fast zweieinhalb Jahren Bombenkrieg, die noch folgen sollten, holten die Alliierten alles nach. Stadt und Fabrik wurden gründlichst zerstört.

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