Wie eine Essenerin ihren Vater (93) versorgt und pflegt

Krimhild Keese kümmert sich um ihren 93-jährigen Vater Kurt Keese.
Krimhild Keese kümmert sich um ihren 93-jährigen Vater Kurt Keese.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Kriemhild Keese kümmert sich um ihren Vater (93). Sie hat gelernt, Hilfe anzunehmen, als ihre Mutter schwer erkrankte und sie an ihre Grenzen stieß.

Essen.. Liebevoll zupft Kriemhild Keese das Kissen zurecht, richtet die Decke. „Sitzt Du gut?“, fragt sie ihren Vater, und Kurt Keese nickt zufrieden. „Wenn ich meine Tochter nicht hätte, dann wäre ich nicht mehr da“, sagt der 93-Jährige und tätschelt zärtlich ihre Hand. Dann erzählt er von den vergangenen Monaten, die für die ganze Familie besonders schwer waren. Denn seine Frau, mit der der Malermeister 63 Jahre verheiratet war, verstarb Anfang des Jahres nach langer Krankheit.

Schon damals hat Tochter Kriemhild ihr Klappbett in der elterlichen Wohnung auf- und ihr eigenes Leben hinten angestellt. Das hat sich bis heute nicht geändert. Auch der Vater braucht inzwischen eine Rundum-Betreuung. Einkaufen, kochen, putzen und einfach da sein – das alles leistet die alleinstehende 62-Jährige, die dabei von ihrer Schwester unterstützt wird.

Die Tochter stieß an ihre Grenzen

Dabei hatte sie sich ihre Altersteilzeit, die vor drei Jahren begann, ganz anders vorgestellt. „Ich wollte reisen, mein Leben genießen.“ Doch wie so oft im Leben wollte der Zufall, dass sie zum richtigen Zeitpunkt in Rente ging. Die Demenz ihrer Mutter schritt unaufhaltsam voran, dazu kamen eine Altersdepression und diverse andere Krankheiten. „Statt nach Mallorca fuhr ich immer öfter nach Fischlaken, weil mein Vater mit der Situation einfach überfordert war“.

Altenpflege Die Tochter stieß an ihre Grenzen, etwa wenn die Mutter immer wieder weglaufen wollte, oder, bedingt durch die Demenz, aggressiv wurde. Oft stand sie hilflos daneben, war verzweifelt und wütend. „Ich habe viel falsch gemacht und falsch reagiert“, sagt sie rückblickend, „aber ich war einfach auch zu blauäugig und dachte, das schaffe ich schon.“

Begleitung auf den seltenen Spaziergängen

Ganz allmählich freundete sie sich mit dem Gedanken an, einen Pflegedienst zu engagieren und sich beraten zu lassen. „So kam meine Mutter zum Beispiel einmal in der Woche in ein Demenzcafé, und wir konnten etwas durchatmen.“ Später, als es schwieriger wurde, verbrachte die Mutter einen Tag in einer Tagespflegeeinrichtung, auch das schuf Entlastung.

Aber der größte Teil der Pflege lastete weiterhin auf Kriemhild Keeses Schultern. Waren es anfänglich nur die Wochenenden, die sie bei den Eltern verbracht hatte, ist sie inzwischen ein Dauergast in der hübschen Wohnung im Essener Süden. „Zuhause bin ich nur noch, um nach der Post zu schauen.“ So umsorgt sie den Vater, begleitet ihn auf seinen seltenen Spaziergängen, denn seine Mobilität ist nach einem Schlaganfall stark eingeschränkt.

„Vater und Mutter waren für mich immer unsterblich“

Leider, sagt sie, nehme der Vater keine Angebote an, die etwas Abwechslung und Gesellschaft versprechen: „Er sitzt am liebsten den ganzen Tag in seinem Sessel und schweigt.“ Früher führte er neben dem Malergeschäft eine Gastwirtschaft am Niederrhein. „Das war die einzige Kneipe im Dorf“, sagt Kurt Keese, der plötzlich lebendig wird und in Erinnerungen schwelgt. „Alle Vereine trafen sich bei uns, man kannte jeden im Dorf.“

1979 war Schluss damit, und als der Alltag immer beschwerlicher wurde, zogen die Keeses vor elf Jahren nach Essen, in die Nähe ihrer Kinder. Ein guter Entschluss, denn so konnten die Töchter die Eltern in dieser schwierigen Zeit unterstützen.

„Vater und Mutter waren für mich immer unsterblich“, sagt Kriemhild Keese, „sie jetzt auf ihrem letzten Weg zu begleiten, fiel und fällt mir nicht leicht. Aber ich würde es niemals anders machen.“

Einfach mal Luft holen – Hilfe für pflegende Angehörige

Rund 70 Prozent der pflegebedürftigen Menschen, die in ihren Wohnungen versorgt werden, werden ausschließlich von Angehörigen gepflegt. Für diese Menschen bietet die Familien- und Krankenpflege Essen einen Treffpunkt an.

„Einfach mal Luft holen“ ist dabei das Motto. Der Treffpunkt will ein Ort sein, an dem Angehörige Entlastung und Unterstützung finden. Denn viele Angehörige haben im Laufe von oft jahrelanger Pflege verlernt, für sich selbst etwas zu tun. Das aber hat Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Zudem hilft es, sich mit Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, auszutauschen.

Weitere Entlastungsangebote aber auch Kurse für pflegende Angehörige hat das Seniorenreferat der Stadt Essen, Steubenstr. 53 (Öffnungszeiten: Mo. bis Fr. 8.30 bis 12.30 Uhr) zusammengefasst. Info und Kontakt: 88 50666

Treffpunkt für pflegende Angehörige: Jeden zweiten Montag im Monat von 17.30 bis 19 Uhr im Bürgerzentrum am Wesselswerth 10 in Werden und jeden letzten Montag im Monat von 15.30 bis 17 Uhr in den Räumen der Familien- und Krankenpflege, Altendorfer Straße 355.

Telefonische Anmeldungen sind möglich unter: 0172-98 44 803 oder 0170-38 45 109.