Wie die Essenerin Ella Baltz im Versteck überlebte

Foto: Familie Caspary
Was wir bereits wissen
Mit den Stolpersteinen soll der Opfer des NS-Regimes gedacht werden. Oft führt die Spurensuche zu Überlebenden und Nachfahren – wie jetzt in Essen.

Essen.. Ella Baltz ist seit mehr als 30 Jahren tot, jetzt wurde ihre Geschichte wieder lebendig: Bei Recherchen zu den Juden aus Steele, die von den Nazis verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden, stießen Ingrid Niemann und ihr Mann Ludger Hüls-kemper-Niemann auf das ungewöhnliche Schicksal von Ella Baltz. Sie kam 1893 in Steele als Kind von Salomon und Regina Steilberger zur Welt. Die Großfamilie bewohnte das Haus am Grendtor 25 (damals Ruhrstraße); sie betrieb dort im Hof einen Eisenhandel und im Erdgeschoss ein Tabakgeschäft.

Am Dienstag, 28. April, werden vor dem Haus, das heute ein Eiscafé beherbergt, vier Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an vier Steilberger Geschwister, die den Holocaust nicht überlebten und hier wohnten, bevor sie deportiert wurden. Anders als ihre Geschwister entgingen Ella Baltz und ihr damals 14 Jahre alter Sohn Alfred der Deportation 1942. „Offenbar hielt ihr geschiedener Ehemann seine schützende Hand über sie“, sagt Ingrid Niemann. Der Ex-Mann galt nach der NS-Ideologie als Arier, der gemeinsame Sohn als „Halbjude“. Das Ehepaar Baltz hatte sich 1932 scheiden lassen, also im Jahr vor der nationalsozialistischen Machtübernahme. Zeitzeugen berichteten, dass die beiden weiterhin „ein gutes, freundschaftliches Verhältnis“ gehabt hätten.

„Er war selbst in der NSDAP und soll seine Frau gewarnt haben, als im Herbst 1944 doch noch ihr Abtransport bevorstand“, schildert Ingrid Niemann. Ein Wink, der trotzdem sinnlos gewesen wäre, weil es für Juden zu diesem Zeitpunkt längst kein Entkommen aus Deutschland mehr gab. Doch Ella Baltz entkam, ohne das Land zu verlassen: Sie tauchte im kleinen Dorf Herkenrath (heute ein Stadtteil von Bergisch Gladbach) unter. Sie wurde dort von der Familie Hochkeppel bis zur Befreiung durch die Aliierten versteckt. Mit Wissen des Dorfpfarrers, dessen Sonntagsmesse sie zur Tarnung oft besucht haben soll.

Zeitzeugin gefunden

Die Hochkeppels, die damals ihr Leben riskierten, haben über ihren selbstlosen Einsatz später nie groß geredet. Ein Nachfahre schrieb dazu: „Ich denke, dass sie nicht von sich aus darüber reden wollten, weil beide sehr bescheiden waren, und keinen Dank von offizieller Seite haben wollten. Ihnen genügte es, richtig gehandelt zu haben.“ In der Wiedergutmachungsakte von Ella Baltz fanden die Niemanns aber ein Schriftstück, in dem Christian Hochkeppel 1948 bestätigt, dass sich Ella Baltz seit September 1944 „bei mir illegal aufgehalten hat“.

Das Ehepaar Niemann, das bereits vor 20 Jahren die Schicksale jüdischer Familien aus Steele nachgezeichnet hat, war von dem Fall gefesselt – und fand tatsächlich noch eine Zeitzeugin: Eine Tochter der Hochkeppels, die heute 85 Jahre alt ist und in Köln lebt. Sie erzählte, wie der Vater ihr und ihrem Bruder damals einschärfte, nichts über den Gast der Familie preiszugeben: „Sonst hängen wir alle vier da am Baum“, habe er mit Blick auf eine Kastanie im Dorf gesagt.

Zur Stolperstein-Verlegung kann die betagte Dame nicht anreisen, aber sie hat Ella Baltz noch einmal in Essen besucht, bevor diese 1949 mit ihrem Sohn in die USA emigrierte. Und sie hat den Niemanns das Bild von Ella und Alfred Baltz überlassen, das die beiden 1949 zeigt – vermutlich in der Gruga.

Spurensuche führte nach Sao Paulo

Immer wieder sind sie Anlass zu Streit: Jene Stolpersteine, die der Künstler Gunter Demnig in über 500 deutschen Städten verlegt hat: Jeweils vor dem letzten selbst gewählten Wohnsitz in den Boden eingelassen werden, will er mit Messingtafeln im Bürgersteig an die Opfer des NS-Regimes erinnern. So trete man das Andenken mit Füßen, sagen Demnigs Gegner. Doch bei Stolperstein-Verlegungen geht es nicht nur um die Erinnerung an die Toten, sie setzen oft Gespräche mit Überlebenden und Nachfahren in Gang.

Wie bewegend das sein kann, erleben gerade die Organisatoren der aktuellen Stolperstein-Verlegungen am kommenden Dienstag: Da findet sich in Steele die verborgene Geschichte einer unerwarteten Rettung (Text oben), da telefonieren die Aktivisten aus Rüttenscheid dieser Tage mit einer Brasilianerin, die fließend Deutsch spricht, obwohl sie das Land nie kennengelernt hat.

Vergangenheit und Gegenwart

Stadtgeschichte Diese Susanne Caspary ist Tochter von Grete Callmann, geb. Oppenheimer. Und die jüdische Familie Oppenheimer lebte einst an der Von-Einem-Straße 36 in Rüttenscheid, auch an sie werden bald Stolpersteine erinnern. Grete Callmann und ihrem Ehemann Max gelang mit Hilfe einer brasilianischen Botschaftsangehörigen 1938 die Ausreise nach Sao Paulo. Wenn sie im Krieg Briefe aus Deutschland erhielt, zitterte sie so sehr, dass sie diese nicht lesen konnte: Ihre Eltern waren im Konzentrationslager, und sie wusste, dass eines Tages keine Briefe mehr kommen würden. Umso überraschender ist es, dass Grete Callmann „darauf Wert legte, dass ihre Tochter Susanne bis zum dritten Lebensjahr ausschließlich Deutsch sprach“, erzählt Melanie Rudolph von der Rüttenscheider Bürgerinitiative, die nicht nur diese Geschichte in der Broschüre „Stolpersteine in der Von-Einem-Straße und der Von-Seeckt-Straße in Essen-Süd“ erzählt.

Ausfindig gemacht haben sie Susanne Caspary über einen brasilianischen Artikel, der die mutige Botschaftsmitarbeiterin würdigte. Am Ende einer langwierigen Suche sprachen sie per Bildtelefon (Skype) mit einander – auf Deutsch. Sie erfuhren, dass Susanne Caspary bereits überlegt hatte, nach Deutschland zu reisen – auf den Spuren ihrer Mutter, die 2011 hochbetagt gestorben war. Und so stiften Melanie Rudolph und ihre Mitstreiter nicht nur Stolpersteine, sondern laden das Ehepaar Caspary ein: Kommende Woche werden die beiden Essens Vergangenheit und Gegenwart kennenlernen.