Wie der Mythos der Trümmerfrauen entstanden ist

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Was wir bereits wissen
Essener Historikerin hat erforscht: Die Aufräumarbeiten nach dem Krieg wurden nur ganz selten von Frauen erledigt. Leser-Aufruf: WAZ sucht Zeitzeugen.

Essen.. Die deutsche Trümmerfrau, die den Weltkriegs-Schutt mit eigenen Händen beiseite geräumt und somit das Wirtschaftswunder vorbereitet hat, gibt es nur in der allgemeinen Vorstellung. Es handelt sich um einen Mythos. In Wahrheit waren es vor allem Arbeitslose, die von den alliierten Militärregierungen zwangsweise eingesetzt wurden, sowie professionelle Firmen, die über entsprechende Geräte verfügten – sie, vor allem sie, haben die deutschen Städte entümpelt.

Das hat die Historikerin Leonie Treber (34) in bundesweiten Recherchen herausgefunden. Ihre Doktorarbeit, die am Historischen Institut der Uni Duisburg-Essen entstand, ist mittlerweile als Buch erschienen: „Mythos Trümmerfrauen“.

Bundesweit haben bereits Medien über die Publikation berichtet, die Süddeutsche Zeitung, das WDR-Fernsehen, und am Dienstag ist Trebers Dissertation Thema einer Gesprächsrunde in der Essener Innenstadt.

Die Historikerin hat Akten aus Bau- und Arbeitsämtern elf deutscher Städte untersucht und Medienberichte analysiert. Leonie Treber kommt zu dem Ergebnis, dass das Bild der „Trümmerfrau“, das heute in den meisten Köpfen existiert, Ergebnis einer Legendenbildung ist, die im damaligen Westdeutschland erst in den Siebziger und Achtziger Jahren entstand. „Das hat viel mit damals aufkommenden gesellschafspolitischen Diskussionen über Geschlechter und Renten zu tun“, hat Treber herausgefunden.

Bilder von Bürgerinnen zu Marketing-Zwecken

Ihre Recherchen ergaben: Allein in Berlin und in den Städten der ehemaligen Sowjet-Zone wurden auch arbeitslose Frauen zur Trümmerbeseitigung eingesetzt. Die Bilder von Bürgerinnen, die in Ketten eimerweise Schutt beseitigen, sind vor allem dort, im Osten, zu Marketing-Zwecken produziert worden. Treber: „Es gab regelrechte Medienkampagnen, um für die Beteiligung von Frauen an der Trümmerräumung zu werben.“

In der amerikanischen und französischen Zone sei der Einsatz von Frauen aber dezidiert abgelehnt und in der britischen Zone nur eine „sehr geringe Zahl“ von Frauen eingesetzt worden. Vielfach vergessen sei heute auch die Tatsache, dass die Trümmerbeseitigung nach den ersten Luftangriffen auf Deutschland noch während der Nazi-Zeit erfolgte. Bis zum Mai 1945 wurden Handwerker, der Reichsarbeitsdienst, sowie die Hitlerjugend mit den Aufräumarbeiten beauftragt und vor allem KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene zur Strafarbeit verpflichtet worden.

Zeitzeuginnen fühlen sich um ihre Lebensleistung beraubt

Als erste Medien bundesweit über Trebers Arbeit berichteten, kamen auch Anrufe, zum Beispiel von Zeitzeuginnen aus Dresden. „Diese Damen“, erzählt die Historikerin, „fühlten sich um ihre Lebensleistung beraubt und warfen mir vor, nicht mit denen gesprochen zu haben, die damals tatsächlich dabei gewesen sind.“

Treber stellt klar, dass es selbstverständlich die Frauen waren, die überall in den kriegszerstörten Städten den Alltag in die Hand nahmen, fürs Überleben ihrer Familien sorgten. „Doch niemand wäre auf die Idee gekommen, zwischen 1946 und 1949 diese Frauen als Trümmerfrauen zu bezeichnen.“ Der Begriff sei erst Jahrzehnte später, in der aufkommenden Frauen-Geschichtsschreibung, entsprechend erweitert worden. „Er bezeichnete die gesamte Generation all jener Frauen, die die Nachkriegszeit als Erwachsene erlebt hatten.“ Lediglich in der DDR sei das Bild der „Trümmerfrau“ ab 1945 kontinuierlich gepflegt und aufgebaut worden.

Liebe Leser! Die Redaktion sucht Zeitzeugen - männliche wie weibliche – aus Essen: Wer hat den Schutt weggeräumt, der vor allem nach den Fliegerangriffen im Jahr 1943 auf Essener entstanden war? Schreiben Sie uns, wir freuen uns über jede Zuschrift. Post-Adresse: WAZ-Stadtredaktion, Stichwort „Trümmer“, Sachsenstraße 36, 45123 Essen. Oder mailen Sie uns an redaktion.essen@waz.de.