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Interview

Wie Busfahrer Stress und Gewalt bewältigen

28.07.2010 | 19:34 Uhr
Wie Busfahrer Stress und Gewalt bewältigen

Essen.Friedhelm Balodimos war früher Polizist. Heute ist der 63-Jährige Verhaltenstrainer und schult Busfahrer der Evag darin, wie sie Stress und Gewalt bewältigen. Ein Gespräch über den Fall „Dominik Brunner“.

Er fuhr mit der S-Bahn, geriet in einen Streit und starb nach Tritten und Schlägen, die ihm zwei 18- und 19-Jährige zugefügt haben: Der Tod von Dominik Brunner bewegt. In München stehen die mutmaßlichen Täter vor Gericht. Wie konnte es zu dieser furchtbaren Tat kommen? Wie sollte man sich als Fahrgast in einer solchen Situation verhalten, in die Brunner geriet? Ein Gespräch mit Friedhelm Balodimos.

Dominik Brunner ist an einem Münchener S-Bahnhof mit zwei Jugendlichen aneinandergeraten. So etwas kann einem überall passieren?

Ja, überall und zu jeder Zeit. Vor allem aber, wenn man am späten Abend oder nachts unterwegs ist. Unsere Busfahrer können ein Lied davon singen.

Herr Brunner wollte nicht wegsehen, als die Jugendlichen in der S-Bahn Kinder bedrängten. Hat er sich richtig verhalten?

Herr Brunner hat Zivilcourage bewiesen. Er ist dafür posthum geehrt worden. Unser Strafrecht verlangt ja in Paragraph 232c, dass man nicht wegsieht, sondern etwas unternimmt, wenn man Zeuge einer Straftat wird. Viele sagen aber, ich gucke grundsätzlich nicht hin. Hätte Herr Brunner weggeguckt und sich abgedreht, wäre er womöglich noch am Leben.

Was hat er falsch gemacht?

Das ist schwer zu sagen. Er befand sich in einer Stress-Situation. Wie weit war er von seiner individuellen Stress-Obergrenze entfernt? Sie müssen wissen: Jeder von hat eine ganz persönliche Stress-Grenze. Wird diese Grenze überschritten, setzen natürliche Schutzfunktionen ein. Dann denke ich nicht mehr, dann handele ich. Und dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Flucht oder Angriff.

Brunner entschied sich demnach für Angriff. Zeugen haben vor Gericht ausgesagt, habe sogar zuerst zugeschlagen.

Wir wissen nicht, was Herr Brunner für ein Mensch war. Ob er einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte oder was ihn antrieb. Aber wie gesagt, er handelte in einer Stress-Situation. Wer zuschlägt, trägt zur Eskalation bei. Wichtig ist: Entscheide ich mich für einen solchen Angriff, muss der Schlag auch Wirkung zeigen.

Was kann man tun, damit es soweit gar nicht erst kommt?

Wenn ich ein Kerl bin wie ein Baum, muss ich mir darüber vielleicht weniger Gedanken machen. Verbales und nonverbales Verhalten sollten aber in jedem Fall übereinstimmen. Gibt es da Differenzen, nimmt der Gegner eher nonverbale Signale war. Die sind ehrlicher. Hängende Schultern wirken nicht gerade abschreckend. Grundsätzlich sollte man in einer solchen Situation aber versuchen, deeskalierend zu wirken. Man sollte versuchen, andere Leute auf sich aufmerksam zu machen oder, besser noch um sich zu scharen: Seht her, hier passiert was. Helft mir!

Kann man sich auf solche Stress-Situationen vorbereiten?

Ja. Wir versuchen das mit unseren Busfahrern. Es sind die vielen kleinen tausend Nadelstiche, die wir täglich erleben, die uns unter Stress setzen. Das kann der Fahrplan sein oder ein Termin sein, den wir unbedingt einhalten wollen oder die Steuererklärung, die wir noch abgeben müssen. Je mehr wir unter Stress geraten, desto größer ist die Gefahr, dass unsere individuelle Stress-Grenze in einer Extremsituation überschritten wird und wir nicht mehr Herr unseres Handelns sind. Es geht also darum, den alltäglichen Stress zu beherrschen und abzubauen, sei es durch autogenes Training oder durch Sport. Da gibt es vielfältige Methoden.

Stressabbau zum Selbstschutz?

Es erleichtert uns, die eigene Wahrnehmung zu relativieren und bei Gefahr realistisch einzuschätzen, was auf uns zukommen könnte.

Marcus Schymiczek

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Kommentare
02.12.2010
11:03
Wie Busfahrer Stress und Gewalt bewältigen
von Mat | #3

vielleicht sollte Herr Friedhelm Balodimos mal seine ehemaligen Kolegen schulen, die immer auf Demos die Menschen schlagen, die nur zuschauen.
Der kleine Busfahrer darf sich nicht wehren, sonst ist er sein Job los

01.08.2010
12:16
Wie Busfahrer Stress und Gewalt bewältigen
von testnase | #2

zwei möglichkeiten flucht oder angriff? Häähh? wasn das fürn verhaltenstrainer looool

29.07.2010
22:52
Wie Busfahrer Stress und Gewalt bewältigen
von Krake Paul | #1

538 Gramm wog Dominik Brunners Herz, deutlich mehr als normal. Im Prozess um seinen Tod musste ein Gutachter jetzt die zentrale Frage beantworten: Hätte er die Prügelei mit den zwei Angeklagten überlebt, wenn er gesund gewesen wäre? Die Antwort: Ja - die beiden haben ihn nicht tödlich verletzt.

Der Münchner Rechtsmediziner Wolfgang Keil, 60, hat Erfahrung. Das Wort des Professors hat Gewicht. Und was er an diesem Donnerstag als Sachverständiger vor dem Landgericht München I vorzutragen hatte, war nicht weniger als eine wichtige Wendung im Brunner-Prozess.

Denn Keil bestätigte, was seit Tagen in München gemutmaßt, bestritten, bestätigt und wieder in Frage gestellt worden war: Dominik Brunner, der am 12. September 2009 am Münchner U-Bahnhof Solln in eine Schlägerei mit den Angeklagten Markus Sch., 19, und Sebastian L., 18, verwickelt war, starb nicht, weil er totgetreten wurde, wie die Staatsanwaltschaft monatelang behauptete. Sondern weil sein krankes Herz in der Stresssituation jener körperlichen Auseinandersetzung versagte.

Damit ist natürlich noch immer eine Kausalität zwischen der Schlägerei und dem Tod Brunners gegeben. Und die Folgen der brutalen Schläge und Tritte, die Sch. damals austeilte, wird er sich zurechnen lassen müssen. Doch das Bild von dem Geschehen, das die Staatsanwaltschaft in der Öffentlichkeit lange Zeit vermittelt hat, hat sich nun doch geändert.

Einzige geringgradige Verletzung an der Oberlippe

Brunner hat keine Knochenbrüche erlitten, die etwa durch Fußtritte der Angeklagten verursacht worden wären. Keil wies bei der Obduktion Brunners einen einzigen Tritt gegen dessen Stirn rechts nach, der als Beweis vom Gericht gewertet werden könne, da sich das Muster der Schuhsohle des Angeklagten Sch. abgezeichnet hatte. Ein weiterer Tritt traf Brunners Bauch und bewirkte einen Bluterguss unter dem Bauchfell. Auch dieser Tritt hätte lebensgefährlich werden können, wenn Brunners Milz oder Leber gerissen wären. Doch solche Verletzungen wurden nicht gefunden.

Fraglich blieb, ob Sch. einen Schlüssel beim Zuschlagen verwendete. Er habe eine einzige geringgradige Verletzung an der Oberlippe des Opfers gefunden, die zwar ein deutlicher Hinweis auf die Verwendung eines Werkzeugs sei, aber nicht beweisbar, sagte Keil.

Brunner hatte an der Innenseite des Mundes tiefgreifende Verletzungen, die von Faustschlägen herrührten. Seine Zähne waren nicht eingeschlagen. Keil zählte mutmaßlich 19 Faustschläge mit hoher Intensität. Es ist geradezu ein Wunder, dass es am Kopf zu keinen inneren Verletzungen gekommen ist, sagte er. Brunner habe nämlich weder eine Hirnprellung noch einen Schädelbruch erlitten.

Linksventrikuläre Herzmuskelhypertrophie

Gleichwohl seien diese Gewalteinwirkungen lebensgefährlich gewesen. Ein Fußtritt gegen den Kopf führt normalerweise zu einem Schädelbruch. Das ist hier nicht der Fall gewesen. Auch sei eine Brillenverletzung im Gesicht zu erwarten gewesen; doch dafür gebe es keine Spuren.

Herr Brunner war schon lange herzkrank, fuhr Keil fort. Sein Herz wog 538 Gramm, was jenseits des kritischen Herzgewichts von 500 Gramm liegt. Bei einem ausgewachsenen Mann beträgt das Gewicht des Herzens zwischen 300 und 350 Gramm. Die Befunde sprechen dafür, dass eine solche linksventrikuläre Herzmuskelhypertrophie nicht angeboren, sondern erworben ist. In der Regel liegt ihr ein unerkannter Bluthochdruck zugrunde. Die Blutgefäße wüchsen bei einer solchen Erkrankung nicht mit. In einer Belastungssituation ist dann für eine solche große Muskelmasse nicht ausreichend Sauerstoff vorhanden.

In einer Erregungssituation reagiere der Körper mit einem Ausstoß von Adrenalin, wodurch der Blutdruck steige und sich der Sauerstoffbedarf erhöhe. Das ist dann kein Infarkt. Herr Brunner hätte noch lange weiterleben können, wenn nicht dieses erhebliche Trauma dazwischengekommen wäre, sagte Keil.

Es sind schon Leute nach Klingelstreichen von Kindern gestorben

Für uns sind solche Todesfälle Routine, sagte der Sachverständige. Es sind schon Leute nach Klingelstreichen von Kindern gestorben, weil sie sich so aufgeregt haben. Oder der 65-Jährige, der bergauf fährt und dann tot unter dem Rad liegt - der ist möglicherweise nicht einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen, sondern sein Herz hat nicht mehr mitgemacht. Eine berechtigte Frage sei, ob Brunner überlebt hätte, wenn er nicht herzkrank gewesen wäre. Ja! Denn wie durch ein Wunder waren die Verletzungen nicht tödlich.

Im zweiten Teil des rechtsmedizinischen Gutachtens ging es um die Verletzungen, die der Angeklagte Sch. im Zusammenhang mit der Schlägerei in Solln erlitten hat. Der Hauptbefund sei eine Einblutung des rechten Auges, wie sie typisch ist bei einem kräftigen Faustschlag. Außerdem habe Sch. eine offene Verletzung an der Innenseite der Oberlippe davongetragen. Dafür komme am ehesten ein Schlag gegen den Mund in Betracht. Wir konnten knapp zehn Verletzungen zuordnen, sagte Keil. Fünf bis acht davon stammen von Faustschlägen.

Der Angeklagte L. hingegen wurde nun auch durch das rechtsmedizinische Gutachten entlastet. Nicht nur, dass eine ganze Reihe von Zeugen berichtet haben, er habe nur zu Beginn der Schlägerei zwischen Sch. und Brunner einige Fausthiebe ausgeteilt - sich dann aber zurückgezogen und sich an Tritten gegen das am Boden liegende Opfer nicht mehr beteiligt. Auch schwerere Verletzungen wurden an ihm nicht festgestellt, die auf eine aktive Teilnahme an dem brutalen Geschehen hindeuteten.

Ob sich die Mordanklage gegen ihn halten lässt, scheint mittlerweile zweifelhaft.

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