Lernen auf dem Land
30.01.2012 | 15:57 Uhr 2012-01-30T15:57:00+0100
Essen-Werden. Eine alte Schule und dann noch 300 Jahre alt ? Was soll schon daran sein? Das riecht sehr nach Bildungsbürgertum aus alten Städten, in denen höhere Bürgersöhne auf die Universität von verstaubten Griechisch- und Lateinlehrern mehr schlecht als recht vorbereitet wurden.
Ein Blick in die Romane unserer deutschen Schriftsteller genügt, um zu verstehen, wie langweilig, ja unerträglich für Söhne betuchter Eltern diese Bildungsanstalten gewesen sein müssen.
Aber war die Werdener Coelestin-Schule eine Bürgerschule für wohlhabende Eltern und Kinder? Wenn man sie finden will, muss man auf der Karte der Stadt Essen an den südlichen Rand gehen. Dort in Heidhausen an der Stadtgrenze stand sie, bis sie vor einigen Jahren dem Bau des Bildungszentrums für Entsorgung und Wasserwirtschaft an der Wimberstraße weichen musste.
In GroßvatersDienstwohnung gelebt
Was ist denn eigentlich an dieser Schule so erinnerungswürdig? Als ich davon aus der Zeitung erfuhr, war ich wie elektrisiert. Ich wohne nun schon fast 40 Jahre im Süden Deutschlands, aber die Coe-lestin-Schule habe ich nicht vergessen. Nicht allein wegen der ersten vier Schuljahre, die ich dort mit meinen Klassenkameraden verbrachte. Nein, ich habe in ihr gewohnt! In Großvaters Dienstwohnung, 20 Jahre, bis ich nach dem Abitur am Gymnasium ins Studium ging. Wenn ich eine kurze Antwort auf meine Frage geben darf: Die Coelestin-Schule war eine Landschule!
Und das unterscheidet sie von allen anderen Bildungseinrichtungen, die seitdem wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Was ist nun daran so Besonderes? Die ersten Skizzen, die einer ihrer ehemaligen Schüler, Paul Weber, in dieser Zeitung in den 1990er Jahren veröffentlichte, geben einen Aufschluss: Ein großer Schulhof mit mehr als 30 Linden, im 19. Jahrhundert gepflanzt, ein großer Schulgarten und ein herrlicher kleiner Schulwald gehörten zur Coelestin-Schule. Und Lehrer und Hausmeisterinnen wohnten selbstverständlich in der Schule. Mein Großvater war Hauptlehrer von 1912 bis 1945, und dort kam ich zur Welt.
Morgens wurde ich als kleiner Junge um acht Uhr von der Schulglocke geweckt. Aber das war keine elektrische Klingel. Eher eine Art Kuhglocke mit Handgriff, und für jeden von uns Schülern war es eine Ehre, dieses Ding hin und her zu schwenken, so dass man die Glocke im letzten Winkel des Schulhofes bis in den Wald hinein hören konnte. Alle liefen dann vor dem Schultor zusammen und stellten sich in Reihen zu zweit auf, jede Klasse für sich. Auf der großen Treppe erschienen die Lehrer. Einmal in der Woche wurden von dort alle wichtigen Informationen bekannt gemacht. Und dann gingen wir in unsere Klassenzimmer.
Wie gesagt, ich wurde um diese Zeit wach, lief hinunter in die große Küche und das Stübchen, in dem der Großvater schon beim Frühstück saß, und einmal passierte es mir, dass ich im Nachthemd die Stübchentür zum Klassenzimmer versehentlich öffnete. Da saßen die „großen“ Schulkinder in ihren Bänken. Es gab ein Riesengelächter - ich im Nachtpolter, mitten im Unterricht. Auch Großvater musste lachen, als er mich ins Stübchen zurück holte.
Es wurde viel gelacht, aber auch viel gearbeitet. Es gab etwas in dieser Landschule, wovon wir alle heute nur träumen können: Es gab keinen Stress. Hier war eine Schule mit Herz, auch wenn Noten erteilt wurden und der Unterricht hohe Anforderungen stellte.
Dabei war allein schon der Weg in diese Schule für eine ganze Reihe Schüler eine erste Herausforderung am Morgen. Jetzt muss ich natürlich schweigen. Ich brauchte ja nur durchs Stübchen ins Klassenzimmer, wenn ich wieder mal auf dem letzten Drücker war.
Aber die anderen? Sie mussten bis zu drei Kilometer bei Wind und Wetter in unsere Schule laufen. Und dann wieder zurück. Einen Schulbus gab es noch nicht.
Mittags, vor allem im Sommer, gab es eine längere Pause. In der kleinen Pause wurden morgens zwischen den Stunden Suppen gereicht, mittags gab es Kaffee, Milch oder Kakao. Jeder packte sein Butterbrot aus. Wie schön war es, an sommerlichen Tagen unter den Lindenbäumen zu sitzen, zu reden, zu lachen, zu singen oder zu spielen.
Gegen 16 Uhr schloss die Schule. Zu Hause war noch genug zu tun. Die meisten halfen auf den Bauernhöfen. Allen war der Umgang mit Tieren vertraut, viele waren stolz auf ihre Pferde.
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