Die Lust auf Klassik wecken
19.10.2011 | 15:09 Uhr 2011-10-19T15:09:00+0200
Essen-Werden. „Es ist wahnsinnig schwierig, in zwei Stunden ein derart komplexes Thema zu vermitteln.“ Stephanie Mecking, Musiklehrerin am GEW, nimmt die Herausforderung dennoch an. Auch wenn sie zwei Tage vor dem Besuch ihres Grundkurses der zehnten Klasse in der Essener Philharmonie einmal nicht selbst das Heft in der Hand hält. Konzertpädagogin Constanze Betzl führt den Unterricht. Nicht die leichteste musikalische Kost serviert sie den Schülern. Gustav Mahlers vierte Symphonie möchte sie ihnen näher bringen.
Über zwei Drittel der 20 Schüler verfügt über Erfahrungen mit klassischer Musik, etliche haben schon Konzerte besucht. Gut die Hälfte des Kurses musiziert selbst. Die Kenntnisse sind teilweise derart profund, dass Partituren gelesen und verstanden werden. Aber auch die weniger Versierten möchte die Querflötistin vom Staatstheater Kassel mit Mahlers Klangfarben vertraut machen.
„Die Komposition ähnelt einer Collage.“ Und genau die soll am Ende der Unterrichtseinheit auch gestaltet werden. Doch zuvor ist Hören angesagt. Um den vierten und letzten Satz soll es gehen, und der entspricht nicht den landläufigen Vorstellungen von symphonischer Musik. Der Komponist aus Böhmen vertonte nämlich ein eigenes Gedicht.
Mit der Nase im Text ackern sich die Schüler durch schwere Kost. Von Opferlämmern ist die Rede, allerhand Heilige treten auf, es wird getanzt, geschlemmt und gezecht. Die christliche Bildsprache sticht ins Auge. „Mahler war doch Jude“, bemerkt ein Gymnasiast. Diesen Widerspruch kann die Deutsch-Kanadierin Constanze Betzl nicht bis ins Einzelne aufklären, dafür ist das Programm zu straff.
„Der Komponist begegnete in seiner Zeit an der Wiener Hofoper einer stark antisemitischen Stimmung“, erklärt sie. „Aus praktischen Erwägungen konvertierte er einige Jahre später zum katholischen Glauben.“ Geholfen hat ihm dieser Schritt wenig. Seine Gegner ekelten ihn aus Österreich heraus. In den USA fand er sein Exil. Im Musikunterricht waren als Vorbereitung biografische Eckdaten des 1860 geborenen Tonsetzers erarbeitet worden. Schon mit 15 Jahren bestand er die Aufnahmeprüfung am Wiener Konservatorium und machte sich rasch einen Namen als Dirigent.
Die Erfahrung als Orchesterleiter und Operndirektor treten in seinen Werken spürbar hervor. Idee- und farbenreich gerät die Instrumentierung. Constanze Betzl weist immer wieder auf einzelne Passagen hin. Was ist zu hören? Welche Instrumente spielen sich in den Vordergrund? Was lösen Melodie und Rhythmus beim Hörer aus? Die Jugendlichen machen Motive von Tanzmusik aus. „Wir hüpfen und singen! Sankt Peter im Himmel sieht zu“, singt die Sopranistin auf der CD.
Problemlos erkennen die Schüler fünf verschiedene Motive, die sich abwechseln und in Variationen immer wieder vorkommen. Starke Kontraste prägen die Komposition, sie folgen abrupt aufeinander, fließende Übergänge gibt es nicht. Aus Notenblättern und bunter Farbe entstehen nun optische Entsprechungen des Gehörten. Manche beschränken sich darauf, auffällige Passagen der Notenschrift zu markieren, andere entwerfen komplette Radierungen. „Frühling, Feuer, Action“, will einer erkannt haben. „Ab hier wird es immer heiliger“, meint ein anderer Pennäler. Stephanie Mecking freut, dass die Assoziationen beinahe hörbar in den Schülerhirnen rattern.
„Darauf kommt es an“, meint sie. „Auf diese Art erklären und erkennen Schüler musikalische Gestaltungsmittel.“ Diese seien durchaus als eine Art psychischer Manipulation zu verstehen. Wie weit sie greift, steht auf einem anderen Blatt. Mahlers Vorstellungen vom Paradies und vom inneren Frieden erscheinen den meisten wohl recht fremd.
Nach 90 Minuten scheint man am Ziel. Die Grundmotive sind erkannt und herausgearbeitet. „Ich kann euch versprechen, dass sie in allen Sätzen vorkommen, denn sie führen auf den Schlusspunkt hin“, sagt Constanze Betzl. „Ob es euch auch gefällt, ist natürlich eine andere Frage.“ Die Lust, klassische Musik zu erleben, scheint geweckt.
Mit einem Bild von Meister Mahler in der Mitte ziert nun eine Partitur ganz eigener Art das Klassenzimmer an der Josef-Breuer-Straße. Nach dem Philharmonie-Konzert am Freitag könnte man noch die Eintrittskarten dazu kleben.
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