Atolle aus Kamelle
15.02.2010 | 11:18 Uhr 2010-02-15T11:18:00+0100
Eine ganz und gar nicht frostige Erfahrung: Mit dem Bollerwagen durch Werden.
Werden. Um kurz vor elf serviert die Bäckerei-Fachverkäuferin freundlichen Kaffee. Der Schnee kühlt ihn sofort auf Trinktemperatur herunter. Belegte Brötchen wandern gleich ausdemKühlschrank in die Kundenhand. Mett mit Zwiebeln heißt der Renner. Ebenfalls beliebt ist der Zehnerpack Quarkbällchen in der praktischen Tragebox: Rubbeldiekatz ausverkauft. Vorfreudig marschiert man die Heckstraße entlang. Edith und Klaus aus Rüttenscheid vertreiben sich die Wartezeit beim Schaufensterbummel. Ein Eckchen weiter drückt sich eine klitzekleine Prinzessin die Nase an einer Scheibe platt. Sie hat sich schwer verknallt in die Plüsch-Eisbären in der Auslage des Reisebüros.
Kaffee mit Schnee
An der Joseph-Breuer-Straße knubbelt es sich. Vorherrschender Look: Wasserabweisende Funktionsbekleidung aus Synthetik bei den Erwachsenen. Frottee und Teddytextil verwandelt vieleKleine in Bärchen, Lämmchen, Kälbchen. Mit „Rosamunde“ beginnt der Sessionshöhepunkt. Liebreizende Aule Wiever vornweg bahnt sich der Zug den Weg Richtung Schwimmbad. Franz Friese, 2. Vorsitzender der Fischlaker Narren hatte jedermann geraten, seine Schritte mit Bedacht zu tun. Eine Empfehlung, der man folgt. Wagen um Wagen defiliert. Die Jungbauern der Fortuna werben fürs „Ku(h)lturhaupstadtdörfchen“, ultimativ die Forderung „Finger weg, vom Werdener Bad“, „Atolle aus Kamelle“ so ein kreativer Vorschlag, warum immer Zollverein, wir haben Pörtingsiepen, meinen selbstbewusste Fischlaker. Den leichtesten Wagen ziehen bunte Lappenclowns: Er stellt Essens leere Stadtkasse dar. Pizzi vom Alt Werden hat schon angezapft. Um 11.30 Uhr schmeckt das erste Pilsken. Erste Auflösungserscheinungen lassen sich beobachten. Moppernde Kinder bändigt der rigorose Erziehungsberechtigte mit der Drohung, den ganzen mühsam ergatterten Süßkram selbst aufzuessen.
Mit Cowboyhut
Wer sich nicht auf ein Speiseeis bei Kikas einfindet oder den Nachhauseweg antritt, findet sich unterm Rathausbalkon ein. Dort steht nicht, wie ein schlecht informierter Vater es wissen lässt, Werdens Bürgermeister, sondern Peter Gabka, Präsident der KG Lindenbeck und heute Zeremonienmeister mit todschickem Cowboyhut. Platzkonzert: Werdener Spielleute, die Ruhrperle sowie die aus Iserlohn angereisten Bläser und Majoretten geben Vollgas. Letztere machen ihrem Ruf als „Sauerländer Brasilianer“ alle Ehre. Gedränge am Suppenausschank, ein Riesenhallo für Eugen und Akkordmalocher. Das Duo hat „Essen zum Fressen gern“, weiß genau, was es nur im Ruhrgebiet gibt und stellt zumWestfalenlied Monika Reich-Püttmann als stimmungsverstärkendes Tanzmariechen zwischen sich. Akkordmalocher Klaus Pelizaeus blickt versonnen herüber zum mächtigen Turm der Propsteikirche. „Da habe ich vor 25 Jahren geheiratet.“ Werdens griechisches Original, alle nennen ihnWadi, gibt sichinseinem Mexiko-Poncho sentimentalen Erinnerungen hin. Die Stimmung hier und heute sei toll. „Aber an Altweiber war gar nichts los.Ende der Fünfziger“, weiß der Schuster, „kamen sie aus ganz Deutschland mit Sonderzügen nach Werden. 200 000 Leute, das mussmansich mal vorstellen.“ Diese Marke wurde 2010 nicht ganz erreicht. Aber die Laune blieb prächtig. Noch vor dem Steigerlied und den Huldigungen für Essens Tollitäten geben Giepen und Pelizaeus die Losung für die nächsten Tage aus: „Ich komm’ heute nacht nicht nach Haus’.“ Gewissenhaft wie der Werdener ist, wird er sich dran halten.
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