Altstadt wird zum Spielort
05.02.2012 | 16:49 Uhr 2012-02-05T16:49:00+0100
Essen-Werden. „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da.“ Wie recht Veronika Maruhn doch hat. Auf einer Backsteinmauer an der Joseph-Breuer-Straße balanciert und singt sie im Eulenkostüm zum Auftakt des „Leuchtenden Werden“. Die Kälte beißt in bloße Gesichter, aber niemand weicht. Nur gut, dass die Musik zum Mitklatschen und -swingen inspiriert. So tanzt man sich das Sibirien-Hoch „Cooper“ aus den Gliedern. Eingeweihte haben ihren Weg direkt gefunden, Menschen mit Wochenendeinkäufen machen zwischen Supermarkt und Kofferraum noch einen Schlenker, bleiben staunend stehen.
Nach der Generalprobeschon Schwarz gesehen
Die Darsteller auf der Mauerkrone skandieren absurde Verse: „Draußen standen viele Leute, schweigend ins Gespräch vertieft.“ Das trifft die Situation erstaunlich gut. In einer Mischung aus Faszination und Mitteilungsbedürfnis verharrt das Publikum und bekommt die erste große Attraktion zu sehen: Der Mond geht auf.
In diesem Fall handelt es sich um einen Helium-Ballon, aber die Aktion verfehlt ihren Effekt nicht. Humorvoll beginnt das weitausgreifende Spiel mit der Dunkelheit und ihren Geheimnissen.
„Haben sie keine Angst, wenn ihnen Schatten in den Gassen begegnen“, sagt die Schauspielerin zum Abschluss der ersten Performance. „Wahrscheinlich bin ich es...“
Schlag 18 Uhr beginnt nicht nur das Programm, der Einzelhandel lockt auch mit Rabatten. Zwischen den Stationen ehemalige Hauptschule, Café Werden, Leinwebermarkt und Ludgerusbrunnen bleibt Zeit, sich im Warmen mit attraktiven Angeboten vertraut zu machen. Hier und da lockt auch ein eilends aufgestellter Glühweinstand. Am Leinwebermarkt muss gleich zweimal nachgefüllt werden.
Hier geht ein Raunen durch die Menge, als sich Bettina Rutsch auf dem Höhepunkt ihrer romantischen Tanz- und Licht-Inszenierung einiger Kleidungsstücke entledigt. Die Künstlerin aus Duisburg beendet ihre Choreographie doch tatsächlich mit nackten Armen. Auch ohne dieses Kabinettstückchen hätte der anerkennende Beifall nicht größer ausfallen können. Der Ort dürfte viel zur Magie des Augenblicks beigetragen haben. „Der Leinwebermarkt fordert ja geradezu nach Bespielung“, meint Veronika Maruhn. Der Platz war fällig.
Nach der Generalprobe hatten die Verantwortlichen noch Schwarz gesehen. Unerwartet fiel der Freitag etwas milder aus. Wohltuend war das Fehlen des eisigen Windes, der am Vortag noch durch sämtliche Kleidungsstücke geblasen hatte. Bereits zum vierten Mal hat sich Veronika Maruhn ein abend- bzw. nachtfüllendes Programm zum Thema Dunkelheit, Spuk und Romantik ausgedacht.
Die routinierte Schauspielerin, Regisseurin und Rezitatorin ist seit 1984 im Geschäft. Sie stellte so unterschiedliche Auftraggeber wie den Katholikentag in Osnabrück, aber auch die größte Kirmes des Ruhrgebiets mit „Cranger Vertellekes“ zufrieden.
Bedingungsloser Einsatz für die Sache ist eine ihrer Antriebsfedern. Weit mehr als zehn Stunden ist sie im Freien unterwegs. Wanderschuhe, dicke Socken und der obligatorische Zwiebellook, das sind ihre Rezepte. Erkältungen? Kennt sie eigentlich nicht wirklich..
Eine Absage allerdings. „Ursprünglich wollten wir die Nachteule auf dem Dach auftreten lassen“, erklärt sie. „Aber irgendjemand äußert ja immer Sicherheitsbedenken.“ Also entschied man sich für die Mauer. Eindrucksvoll genug geriet das Spiel auch dort.
Neben witzig-gruseligen Liedern und Geschichten, der Feier des zauberhaften Nachtgenusses, spielte die Leidenschaft die dritte Hauptrolle in Veronika Maruhns Konzept. Katharina Feuerhake und Jörg Kinzius zelebrierten vor einem dramatisch rot beleuchteten Kastellplatz die wohl innigste Bewegungsform zwischen zwei Menschen. Im Tango-Rausch durchmaß das Paar die glücklicherweise eisfreie Zone vor dem Café Werden. Bestaunt, bewundert von Neugierigen, deren Zahl immer größer wurde.
Es waren diese Momente, die im Gedächtnis bleiben werden. Für die künstlerische Leiterin des Spektakels stellen das festliche Feuerwerk am Ludgerusbrunnen als Abschluss und optischer Höhepunkt natürlich auch erinnerungswürdige Augenblicke dar. Doch ihr Blick hinter die Kulissen fördert noch ganz andere Einsichten zu Tage. „Es sind die Kleinigkeiten, die einen beschäftigen, Dinge, die niemand sieht, der nicht in den Betrieb involviert ist.“
Woher kommt das Gas für den Mond-Ballon? Eine Tango-Tänzerin musste absagen, woher nehmen wir so schnell Ersatz? Spätestens bei der Verabschiedung sind derlei sorgenvolle Gedanken nur noch Geschichte.
„Ich habe ausschließlich positives Feedback bekommen, sowohl von Besuchern als auch vom Werbering“, darf Veronika Maruhn zufrieden feststellen als es ans Einpacken geht. „Leuchtendes Werden“ zum fünften Mal? „Warum nicht, Lust dazu hätte ich auf jeden Fall, auch wenn es mich immer etliche Wochen beschäftigt.“ Und die Ideen dürften ihr so schnell auch nicht ausgehen. Der Werbering ist nicht abgeneigt, die Altstadtgassen auch im kommenden Jahr wieder in eine Spielfläche zu verwandeln.
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