Wenn Mama mehr als eine Grippe hat

Kinder von psychisch oder suchtkranken Eltern fühlen sich oft schuldig, wenn sich Mutter oder Vater seltsam verhalten.
Kinder von psychisch oder suchtkranken Eltern fühlen sich oft schuldig, wenn sich Mutter oder Vater seltsam verhalten.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Kinder von psychisch kranken oder suchtkranken Eltern sind oft einsam. Das Jugendpsychologische Institut Essen will sie für den heiklen Familienalltag stärken.

Essen.. Wenn Mama mal teilnahmslos ist und im nächsten Moment aufgekratzt und voller Pläne, wenn sie den Weg vor die Tür nicht bewältigt, aber von einer Weltreise fabuliert, stellt das ein Kind vor unlösbare Rätsel. Jungen und Mädchen, deren Eltern psychisch erkrankt oder suchtkrank sind, müssen Ungewissheit aushalten, mitunter auch Angst und Aggression. Das Jugendpsychologische Institut (JPI) der Stadt und die Burau-Stiftung wollen diese Kinder stärken, ihnen Rüstzeug für den schwierigen Familienalltag mitgeben. Darum bieten sie verschiedene Kurse für betroffene Kinder an.

„60 bis 80 Prozent der Patienten in der Psychiatrie haben Kinder, aber die sind meist nicht im Blickfeld der behandelnden Ärzte“, sagt Psychologin Petra Kogelheide vom JPI. Dabei bedeute die Krankheit Stress für die Jungen und Mädchen: Sie wissen nie, was sie erwartet, wenn sie nach Hause kommen. Verlässlichkeit ist eine wichtige Währung in Familien; wo sie fehlt, suchen Kinder oft die Schuld bei sich, werden still, traurig oder aggressiv.

Weil Alkoholismus oder Depression anders als eine Grippe meist geheim gehalten werden und sich die Kinder für das komische Verhalten ihrer Eltern schämen, vertrauen sich viele niemandem an. Sie schämen sich in der Schule, ecken an, finden oft keine Freunde.

Und wenn andere verreisen, bleiben sie zu Hause, erleben den heiklen Familienalltag oft noch belastender. Darum hat das JPI im vergangenen Jahr erstmals einen viertägigen Kurs in den Herbstferien angeboten: Vier Kinder von 11 bis 14 Jahren nahmen teil und erlebten, dass sie nicht allein sind: „Das ermutigt sie, offener über ihre Eltern, ihre Sorgen oder ihre Traurigkeit zu sprechen“, sagen die Sozialpädagoginnen Ulrike Rittmann und Susanne Völker, die den Kurs leiteten.

Kinder machen ganz neue Erfahrungen

Die Jungen und Mädchen sollten lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen, ein positives Selbstbild zu entwickeln und ihre Resilienz – eine Art psychische Widerstandskraft – zu stärken. Sie übten Stressbewältigung und erfuhren, wie sich psychische Leiden auswirken: Etwa dass Stimmungsschwankungen zu manchem Krankheitsbild gehören und nichts mit ihrem Wohlverhalten zu tun haben. Daneben blieb Zeit für Spiele und für alltägliche Dinge, die für die Kinder nicht alltäglich sind: gemeinsam essen zum Beispiel.

„Es gibt Mütter, die so unter Panikattacken leiden, dass sie nicht mal einkaufen gehen können“, sagt auch Psychologin Ursula Krege von der Burau-Stiftung, die mit dem JPI einen ähnlichen Kurs anbietet: Er läuft ein halbes Jahr lang einmal wöchentlich und richtet sich an Dritt- und Viertklässler. Denn schon diese Grundschüler trügen oft große Verantwortung, kümmerten sich um Mutter und kleinere Geschwister.

In dem Kurs dürften sie wieder Kind sein und machten dabei ganz neue Erfahrungen, hat Heilpädagogin Claudia Gawehn beobachtet: „Die ersten Freundschaften sind entstanden.“ Und Freunde kannten viele der Kinder bislang nicht.