Wenn Lyrik plötzlich Spaß macht

So können sich die Zeiten ändern: Vor Jahren stöhnten viele Schüler wohl auf vor Verzweiflung, wenn der Deutschlehrer das Wort „Poesie“ nur in den Mund genommen hat. Heute stellen sie selbst einen Poetry-Slam auf die Beine – der verspricht, nicht nur lyrisch zu werden, sondern auch recht bequem: Denn zehn Abiturienten des Gymnasiums Werden laden am Donnerstagabend in die Aula zum Sofa-Slam. Damit wollen sie nicht zuletzt Geld in ihre Abikasse spülen.

Nun sei es ja nicht so, dass sie in Ekstase verfallen, wenn sie an fünfhebige Jamben oder andere Versrhythmen denken, winken die Schüler ab. „Poetry Slams beinhalten mehr als nur Gedichte“, sagt die Schülerin Sophie Gunzer „Vor allem werden Geschichten erzählt.“ Und so ist die thematische Bandbreite immens, mit der die Schüler bei ihrem eigenen Slam das Publikum überraschen wollen: „Manche haben Spaß am Spiel mit der Sprache, andere setzen sich mit politischen Themen auseinander, wieder andere erzählen aus dem Schulalltag“, berichtet sie.

Doch nicht nur thematisch wollen die Schüler Abwechslung bieten: Der Ton der Beiträge schwankt zwischen melancholisch, ernsthaft und lustig. „Viele sind aber richtig spaßig“, verspricht die Abiturientin Michelle Berger, „unterhaltsame Texte kommen einfach am besten an.“ Dies wissen die Schüler nur zu gut, denn viele im Team sind nicht nur selbst in ihrer Freizeit schriftstellerisch tätig, vor allem besuchen sie auch selbst gern Poetry Slams. Sie haben so einige Vorbilder und Lieblings-Slammer – so schwärmen die Schülerinnen und Schüler geradezu von Marc-Uwe Kling, der mit seinen „Känguru-Chroniken“ berühmt geworden ist. „Was der aus oft ganz banalen Alltagsbeobachtungen herausholt, ist schon genial“, lobt etwa Jakob Neuhaus. Für die Essener Slammerin Sandra DaVina hat Mai Klasmeier ein besonderes Faible: „Ich habe ihr sogar einen Text gewidmet.“

Weniger gut an kommt dagegen Sandra Engelmann, die dank Youtube mit ihrem Text „Eines Tages...“ einen regelrechten Hype auslöste. „Da wird letzten Endes nur die alte Carpe-Diem-Message transportiert, die ich andauernd auf irgendwelchen Facebook-Bildchen lesen muss“, analysiert Sophie Gunzer.

Auf Poetry-Slams sind die Schüler vor zwei Jahren im Unterricht gestoßen: „In unserem Kurs ‘Kreatives Schreiben’ haben wir in der zehnten Klasse dieses Thema behandelt und haben dann klassenintern einen eigenen Slam auf die Beine gestellt“, erläutert Mai Klasmeier.

Alles im Alleingang organisiert

Dies haben die Schüler im Jahr darauf wiederholt. „Da haben wir uns gesagt, warum sollen wir das nicht zum Abi noch mal machen – diesmal öffentlich und zu Gunsten unserer Abikasse.“ Auf Eintrittsgeld wollen die Schüler allerdings verzichten – dafür rufen sie zu Spenden auf und verkaufen bei ihrem „Sofa Slam“ Kuchen. Nicht nur die Texte steuern sie zu dem Abend bei: „Wir haben alles im Alleingang organisiert“, sagt Sophie Gunzer stolz.

Einige der Schüler wollen ihre Leidenschaft auch nach dem Abi weiterverfolgen – doch ob sie dies zu ihrem Hauptberuf machen können, sehen sie skeptisch. „Ich will auf jeden Fall weiterschreiben“, sagt etwa Laura Tirier. Dennoch möchte sie lieber Tiermedizin studieren, das Autorentum soll erst einmal Hobby bleiben.

Und warum heißt der Schüler-Slam nun Sofa-Slam? „Poetry Slam ist ja als Begriff schon etwas ausgelutscht“, meint Michelle Berger. „Der Name ‘Sofa Slam’ soll neugierig machen – um die Frage zu beantworten, müssen sie am Donnerstagabend kommen.“ „Und außerdem“, beweist sie literarisches Wissen, „ist es eine schöne Alliteration.“ Die Nachwuchsschriftsteller scheinen hier ihr Handwerk zu verstehen.