Wenig Näschen fürs Drogen-Geschäft

Die bewegten Drogenmengen waren beachtlich, der eingestrichene Reingewinn unterm Strich eher mager: Wer sich als Straßenverkäufer auf eigene Kosten mit einer Portion Marihuana von einem Taxi quer durch die Stadt zu seinem Kunden chauffieren lässt, zeigt nicht unbedingt das allerfeinste Gespür fürs große Geld. Viel Verdienst dürfte da am Ende nicht übrig geblieben sein und bezahlt gemacht hat sich das ganze kriminelle Engagement in eigener Sache ohnehin nicht: Denn die Polizei hat die Nase dran gekriegt an das umtriebige Trüppchen mutmaßlicher Rauschgifthändler aus dem Norden der Stadt, die Amphetamine, Marihuana und wohl auch Kokain aus den Niederlanden importiert und vor allem an die Essener Konsumentenszene weiterverkauft haben.

Wenn’s die krummen Geschäfte schon nicht getan haben – wenigstens die Ermittlungen haben sich gelohnt: Acht Verdächtige sitzen bereits in Untersuchungshaft, 60 Strafverfahren gegen mögliche Komplizen, Weiterverkäufer sowie Konsumenten laufen. Handel mit Betäubungsmitteln im zweistelligen Kilobereich wirft die Staatsanwaltschaft zumindest den drei 24, 32 und 29 Jahre alten Hauptverdächtigen vor. Werden sie überführt, müssen die beiden deutschen und ein türkischer Sozialhilfeempfänger mit mehrjährigen Haftstrafen rechnen. Zwischen ein und zehn Jahren Freiheitsentzug sieht der Gesetzgeber für ihre Vergehen vor, sagt Oberstaatsanwältin Anette Milk. In mindestens 750 Fällen sollen sie den illegalen Stoff nachweislich an ihre Kunden im gesamten Stadtgebiet und Teilen von Gelsenkirchen gebracht haben. Zwölf Beschaffungsfälle sind zudem dokumentiert. „Da wird sich was aufsummieren“, prophezeit Milk.

Dabei hatte Kriminalhauptkommissar Frank Kühne nach den ersten Hinweisen auf den angeblich florierenden Drogenumschlag in Altenessen und Karnap Anfang des Jahres erst gar nicht an das ganz große Ding geglaubt. Denn die eher unauffälligen Täter agierten wenig professionell, sondern eher so spontan und unstrukturiert, dass „wir mit unseren Maßnahmen hintendran waren“. Erst nach einer Vollüberwachung Anfang Mai wurde klar, wer da wirklich am Werke war: Die Ermittler bekamen Wind von einer nächtlichen Drogenübergabe in Kray und griffen erfolgreich zu. Drei Kilogramm synthetische Drogen und zwei Kilogramm Marihuana zum Einkaufspreis von etwa 15.000 Euro wurden sichergestellt, zwei Niederländer und ein Kurierfahrer sowie zwei der Essener Verdächtigen festgenommen. Später kamen die Fahnder dem Dritten im Bunde auf die Spur. In der Wohnung des Mannes an der Gerlingstraße fanden sich weitere 500 Gramm Amphetamine.

Wie Kühne während der Ermittlungen herausfand, waren die Männer vor der Lieferung Anfang Mai vier Mal in den Niederlanden, um die Qualität ihrer Ware zu prüfen und mit ihren Lieferanten über den Preis zu verhandeln. Immer fuhren sie mit leeren Händen wieder zurück nach Essen. „Die haben nie selbst was geholt. Da hatten die eine Höllenangst vor“, sagt Kühne. Davor, an der Grenze mit Stoff erwischt zu werden. Da nahm man lieber Leerfahrten und einen am Ende noch schmaleren Gewinn in Kauf. Was, wenn nicht das Geld letztlich den Antrieb für die krummen Geschäfte gab – da können die Ermittler nur mit den Schultern zucken. Es sei aber nicht selten, sagt die Oberstaatsanwältin, dass selbst beim Handel im großen Stil „die kaufmännische Begabung eher überschaubar“ ist. Damit muss man rechnen.