Weiße Fahne im Niemandsland

„Nachdem wir beim letzten großen Luftangriff am 11. März 1945 zum dritten Mal ausgebombt wurden, nahmen Verwandte uns auf: meine Mutter, Schwester und mich. Um der quälenden Enge zu entgehen, gingen mein Verlobter und ich in das Gartenhaus meiner Großmutter am Erntedankweg. Die Artillerie rückte immer näher, auch unser Häuschen hatte Durchschusslöcher. Ich sehe noch wie heute unsere langjährige Hausärztin Frau Dr. Gabriele Weber mit der erhobenen weißen Fahne in das Niemandsland gehen, um einen Verwundeten zu versorgen. Es wurde um jeden Meter gekämpft. Wir sind dann im Stollen geblieben, es war eng und stickig. Unter den Bänken hatten unsere abziehenden Soldaten Panzerfäuste, Gewehre und Munition zurückgelassen. Wir lagen alle darauf und hatten Angst. Beim Versuch, Wasser zu holen, hat es meinen Verlobten fast noch getroffen. Er ist ohne Wasser auf allen Vieren zurückgerobbt. Als die Amerikaner in unseren Stollen kamen, sagte einer „Sleep well!“. Das war wie ein Erlösung. Am 18. Mai 1945 war unsere standesamtliche Trauung im Rathaus Rellinghausen, eine der ersten, die wieder stattfinden konnte. So wäre bald mein 70. Hochzeitstag – die Gnadenhochzeit. Mein Mann ist im Oktober 2013 verstorben.
Gisela Lätzig