Wehrmachtssoldat erzählte Schülern von der Ostfront

Karl-Heinz Steven (links) war Schulleiter in Katernberg und Soldat in Russland. Auf Einladung von Gesellschafts-Lehrer Rudi Kretschmer (rechts) kam er als Zeitzeuge in die Gesamtschule  Süd in Stadtwald.
Karl-Heinz Steven (links) war Schulleiter in Katernberg und Soldat in Russland. Auf Einladung von Gesellschafts-Lehrer Rudi Kretschmer (rechts) kam er als Zeitzeuge in die Gesamtschule Süd in Stadtwald.
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Was wir bereits wissen
Karl-Heinz Steven wurde im Zweiten Weltkrieg an die Ostfront geschickt. Nun erzählte der 91-Jährige vor Essener Schülern von seinen Erlebnissen.

Essen.. 25 Jahre lang war Karl-Heinz Steven Lehrer und Schulleiter in der Katernberger Kantschule und der dortigen Katholischen Hauptschule. Doch die Kriegsjahre 1939 bis 1945 und die knapp eineinhalb Jahre, in denen er Wehrmachtssoldat war, haben sich mehr als vieles andere in sein Gedächtnis gebrannt. In der Gesamtschule Süd trat in Stadtwald trat er wieder vor Schüler – als Zeitzeuge, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

„Als der Krieg ausbrach, da war ich in eurem Alter“, erzählt der Mann, dem seine 91 Jahre nicht anzumerken sind. Rund 75 Jahre trennen ihn von den knapp 30 Acht- und Neuntklässlern.

Und wie es nur ein paar Jahre älter, mit knapp 18, mit der eigenen Willensbildung bestellt ist, liefert der Mann, dessen Vater Nazi-Gegner war, hinterher: „Unser Geschichtslehrer war Nazi und hat 1942 eine Europa-Karte ausgerollt, die eroberten Länder markiert und gesungen. Da waren wir begeistert, haben uns mit 17 Mann freiwillig gemeldet“, erzählt er von seiner Zeit im Gymnasium am Burgplatz. Von den 17, die zunächst wieder weggeschickt, aber dann nach dem Abitur doch genommen wurden, starben acht im Krieg. Unter ihnen der Sohn des Rektors.

„Von der Zeit im Osten habe ich selbst meinen Kindern lange nicht erzählt.“

Karl-Heinz Steven hat alles überlebt, seine Zeit an der Ostfront, als ein Freund direkt neben ihm fiel und nie wieder aufstand, die rund 24 Stunden, als ihm wegen „Fahnenflucht“ die Erschießung drohte, sowie eine schwere Gelbsucht. „Von der Zeit im Osten habe ich selbst meinen Kindern lange nicht erzählt“, berichtet er, der heute noch unter Alpträumen leidet. Oder unter Erinnerungen, wie dem Bild der toten Mutter mit ihrem Kind unter Trümmern auf dem Burgplatz, an das er bei jedem Besuch in der Innenstadt denken muss.

„Mussten Sie auch Menschen erschießen?“, lautet die Frage, die bei jedem seiner Besuche in Schulen gestellt wird. „Ich kann frohen Herzens sagen, dass ich niemanden erschossen habe. Als Pionier hatte ich das Glück, nie so nahe an den Feind bei Kampfhandlungen zu geraten“, antwortet er. Eine weitere Frage: Wie kann es sein, dass niemand geholfen habe, als die Nazis 1938 die Essener Synagoge in Brand steckten? „Die Polizei hatte alles abgesperrt. Wäre jemand aus der Reihe getanzt, wäre er wohl erschossen worden“, berichtet Steven.

„Schämen“, sagt er, würde er sich noch heute. Aber zum Freireden der Seele sei er nicht gekommen: „Meine Aufgabe ist es, als Zeitzeuge dazu beizutragen, dass das niemals vergessen wird.“