Was junge Migranten von der deutschen Geschichte lernen

Im „Kreuzer“ in Bochold absolvieren sie ihern Sprachkurs, jetzt haben sie die deutsche Hauptstadt besucht: Tomasz (Polen), Elif (Türkei), Norbert (Rumänien), Marina Mirau (Projektleiterin), Piotr (Polen), Jana (BRD), Sorana (Rumänien) und Laura (Spanien).
Im „Kreuzer“ in Bochold absolvieren sie ihern Sprachkurs, jetzt haben sie die deutsche Hauptstadt besucht: Tomasz (Polen), Elif (Türkei), Norbert (Rumänien), Marina Mirau (Projektleiterin), Piotr (Polen), Jana (BRD), Sorana (Rumänien) und Laura (Spanien).
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
16 Jugendliche, die meisten nur wenige Jahre in Essen, haben Berlin besucht – und verstehen, was die deutsche Geschichte auch mit ihnen zu tun hat

Essen.. Junge Leute wissen zu wenig über die DDR, wird immer gesagt. „Früher dachte ich, das Thema wäre trocken“, sagt Elif. Die 18-Jährige hat soeben ihr Abi am Nordost-Gymnasium gemacht, ihre Eltern stammen vom Schwarzen Meer in der Türkei, und Elif erzählt vom Geschichtsunterricht in der Schule: „Die DDR kam erst ganz am Ende dran, wir haben etwas darüber gelesen.“ Doch „erst jetzt“, sagt sie, „nach dieser Reise“, hat sie Lust dazu, sich Dokumentationen über die DDR im Fernsehen anzuschauen, „erst jetzt verstehe ich, was das wirklich bedeutet hat.“

Elif war vier Tage in Berlin, mit 15 anderen Jugendlichen. Die wenigsten sind Deutsche wie Elif, die meisten sind erst seit wenigen Jahren hier, sie absolvieren gerade einen Sprachkurs im Interkulturellen Zentrum „Kreuzer“ , das gehört zur Evangelischen Kirche Essen-Borbeck-Vogelheim und liegt an der Friedrich-Lange-Straße im Stadtteil Bochold. „Die meisten Jugendlichen in unseren Kursen sind neugierig und wissbegierig, wissen aber wenig von der deutschen Geschichte“, erklärt Marina Mirau vom Jugendmigrationsdienst (JMD), der zur Kirchengemeinde gehört und die Kurse organisiert. Das Landesjugendamt finanzierte jetzt die Fahrt, die die jungen Zuwanderer an Gedenkstätten der deutschen Geschichte führte und mit Zeitzeugen zusammentreffen ließ. Ein Gespräch mit dem Essener Bundestagsabgeordneten Kai Gehring (Grüne) gab es auch.

Die Mauer war nicht nur eine Mauer

Norbert (29) aus Siebenbürgen war ein Kindergartenkind, als in Rumänien der Diktator Nicolae Ceaușescu zum Teufel gejagt wurde. Seit drei Jahren lebt er in Essen. Jetzt, nach der Berlin-Reise „verstehe ich erstmals, was es überhaupt hieß, in einer Diktatur zu leben.“ Besonders beeindruckt waren die Jugendlichen vom Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, und auch vermeintliche Details wirken lange nach: „Ich dachte immer, die Mauer wäre nur eine Mauer gewesen“, sagt Sorana (24), „doch dass es einen ganzen Todesstreifen gab, das wusste ich nicht.“

Am Tag vor der Rückfahrt besuchten die jungen Migranten das Holocaust-Denkmal in direkter Nähe des Reichstags. Zwei junge Migranten aus Essen, die mit von dern Partie waren, erzählen Überraschendes: „Auch in Polen, in unserer Heimat, wurde viele Jahre nach dem Krieg über die Geschehnisse geschwiegen“, sagen Tomasz (25) und Piotr (29). Tomasz kommt aus Auschwitz, Piotr hat fünf Jahre dort gelebt. „Zu Hause war das nie ein Thema, obwohl es so nahe lag und alle wussten, was dort geschehen ist“, sagen die beiden Männer, die seit drei Jahren in Essen leben und sich hier eine neue Existenz aufbauen wollen. Piotr ist Brücken-Techniker, kennt sich mit Stahlbauten aus. Tomasz will Konditor werden.

Nicht demokratisch geprägt

„Die Jugendlichen kommen oft aus Ländern, die nicht immer demokratisch geprägt sind oder waren“, erläutert Marina Mirau. „Um Deutschland besser verstehen zu können, ist es unausweichlich, sich mit der Geschichte des Landes auseinandersetzen.“

Dass das funktioniert hat, das beweisen die Erzählungen der Reise-Teilnehmer eindrucksvoll.