Was heute beginnt, ist für Schüler in Essen kein gewöhnliches Schuljahr

Foto: Jakob Studnar/WAZ
Was wir bereits wissen
Die Sommerferien sind vorbei - und für die Lehrer und Schüler in Essen beginnt kein normales Schuljahr. Der doppelte Abi-Jahrgang steht an, die Sekundarschule beschäftigt die Pädagogen und auch das Thema "Inklusion" spielt eine wichtige Rolle. Die Stadt wähnt sich gut aufgestellt. Doch es bleiben große Herausforderungen.

Essen.. Gut 80.000 Schülerinnen und Schüler, darunter 4491 „I-Dötze“, werden mit dem Ferienende an den über 150 Schulen zum Unterricht erwartet. Auf sie wartet kein normales Schuljahr: Mit dem doppelten Abiturjahrgang stehen vor allem die 20 Gymnasien vor einer großen organisatorischen Aufgabe.

Am bischöflichen Schulzentrum in Stoppenberg startet Essens erste Sekundarschule mit 175 Jungen und Mädchen. Erstmals kann die Stadt allen Eltern, die für ihr behindertes Kind einen Platz an einer Regelschule beantragt haben, tatsächlich inklusiven Unterricht anbieten. Der offene Ganztag an 81 Grund- und sechs Förderschulen bietet in 313 Gruppen 7610 Kindern eine verlässliche Betreuung an, eine Quote von 40 Prozent – so viel wie noch nie in Essen. Eine positive Angespanntheit vor dem neuen Schuljahr beschreibt vielleicht am besten die Gefühlslage vor dem Start.

Arbeiten an 50 Schulen

Zum Beispiel bei Schuldezernent Peter Renzel. Die Stadt als Schulträger mit der Schulaufsicht für Grund-, Haupt- und Förderschulen sieht er für das neue Schuljahr gerüstet: Rund 2,5 Millionen Euro wurden an 50 Schulen in den Ferien verbaut. Das Schulhaus an der Beising-straße steht endlich fertig saniert für die Grundschule Nordviertel zur Verfügung, einige Restarbeiten sind für die Herbstferien terminiert. Es ist das ganz normale Ferien-Baugeschäft.

Viel stärker beschäftigt Peter Renzel der Wandel der Bildungslandschaft. Beispiel Grundschulen: Obwohl sich die Stadt in den vergangenen sechs Jahren von 22 Standorten getrennt hat, weil pro Jahrgang nur noch 4500 Kinder an die Schulen kommen, „gilt nach wie vor das Prinzip kurze Beine, kurze Wege. Wir können heute sagen, dass wir im Bereich der Primarstufe die schulischen Angebote der demografischen Entwicklung angepasst haben“, so der Dezernent. Dazu habe die Stadt ein adäquates Ganztagsangebot geschaffen: „Landesweit liegen wir im Spitzenfeld. Dennoch gehe ich davon aus, dass der Bedarf weiter steigen wird.“ Ebenso müsse inhaltlich am Ganztag gearbeitet werden, noch stärker die Förderung in den Mittelpunkt rücken.

Positiv verläuft nach Renzels Worten die Entwicklung im Bereich des inklusiven Unterrichts: 417 Jungen und Mädchen werden an den 46 Grundschulen im gemeinsamen Unterricht betreut, dazu kommen 281 Schüler in der Sekundarstufe I, beispielsweise an der Gesamtschule Bockmühle oder dem Alfred-Krupp-Gymnasium. „Das Thema Inklusion bleibt eine Baustelle, da brauchen wir einen langen Atem. Hier wird die Nachfrage steigen.“ Das Land will nun Vorreiterschulen verstärkt unterstützen: „Wir werden das für Essen prüfen.“

Sekundarschule bleibt Schwerpunkt

Die Sekundarschule bleibt ein weiterer Schwerpunkt im neuen Schuljahr: „Wir sind in den Schulentwicklungskonferenzen in allen Stadtbezirken mit den Schulen in Gesprächen.“ Die Stadt werde vor allem im Stadtbezirk I weitere Planungsrunden anbieten: „Letztendlich müssen das die Schulen entscheiden. Wir werden nichts übers Knie brechen“, sagt Peter Renzel. Jede Schule, die sich auf den Weg machen will zur Sekundarschule, werde unterstützen.

Vor ganz anderen Fragen sehen sich die Gymnasien gestellt. Zum Beispiel am Gymnasium Werden, mit über 1300 Jungen und Mädchen Essens größte „Penne“: 270 Schüler wollen im Frühjahr die Reifeprüfung ablegen, so viele wie noch nie. „Normalerweise haben wir um die 140 Abiturienten“, sagt Schuldirektorin Felicitas Schönau. Natürlich bedeutet der doppelte Jahrgang „deutlich mehr Arbeit“ für das 100-köpfige Kollegium, „vor allem in den Nebenfächern ist das eine erhebliche Belastung für die Kollegen“. Andererseits sind sich die Lehrer einig, dass dieser Schuljahrgang in besonderem Maße auf die schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt und an den Universitäten vorbereitet werden muss: „Das ist der Knackpunkt für unsere Schüler, dafür müssen wir sie so gut wie möglich rüsten.“

"Deutlich mehr Aufwand"

Was es organisatorisch für die Gymnasien heißt, dazu muss Martin Tenhaven, Direx am Altenessener Leibnizgymnasium, nur auf den Terminkalender seiner Schule blicken: „Im zweiten Halbjahr finden sich in jeder Woche abiturrelevante Themen.“ 234 Abiturienten hat er auf der Liste stehen, die in getrennten Kursen unterrichtet, gemeinsam in die Prüfungen gehen. Damit es da keine bösen Überraschungen gibt, hat Tenhaven Wert auf die Vergleichsklausuren gelegt, die für den letzten G-9-Jahrgang freiwillig waren: „Die Leistungsunterschiede waren marginal.“

Am Maria-Wächtler-Gymnasium in Rüttenscheid sieht Schuldirektor Elmar Prinz die größten Probleme für die Gymnasien in den mündlichen Prüfungen im vierten Abi-Fach: „Das ist für alle Schulen die große Herausforderung.“ Eine halbe Stunde pro Schüler müssen die Lehrer kalkulieren, bei knapp 250 Abiturienten wird das kaum an einem oder zwei Tagen zu schaffen sein. „Der Jahrgang ist mit deutlich mehr Aufwand verbunden.“ Bereits seit zwei Wochen laufen deshalb an den Gymnasien die Vorarbeiten fürs neue Schuljahr. Immerhin: Statt an komplizierten Stecktafeln zu tüfteln, rechnet nun ein Programm den Stundenplan aus. Am Maria-Wächtler-Gymnasium sind das beispielsweise 1248 Wochenstunden für 1150 Schüler, 80 Lehrer und fünf Referendare.

Deren Laune übrigens keineswegs getrübt ist vor diesem speziellen Schuljahr: Vorfreude und eine „positive Anspannung“, findet Martin Tenhaven, sei tatsächlich die passende Beschreibung.