Warum Paß als OB jetzt die „richtige Person“ ist

Als Britta Altenkamp gegenüber der NRZ im Juli vergangenen Jahres diese fast schon berühmte Formulierung prägte - „Paß ist als OB die falsche Person“ - da fiel neben manchem anderen auch noch dieser Satz: Dass der Amtsinhaber am Ende erneut nominiert werde, sei zwar nicht ausgeschlossen, „ich halte das aber für die unwahrscheinlichste Option“.

Nun, ein halbes Jahr später gilt es zu (er)klären, warum genau dieser Fall eintritt. Sechs mögliche Gründe: 1. Politisch Totgesagte leben länger. Reinhard Paß mag mit seinen Alleingängen und seiner über Jahre allseits beklagten Beratungsresistenz in der Partei viel Ärger ausgelöst haben. Der Versuch aber, ihn aus dem (zu jenem Zeitpunkt noch nicht einmal errungenen) Amt heraus abzusägen, hat ungeahnte Solidaritäts-Effekte bis hin zu purem Mitleid ausgelöst. Für die einen war der Schulterschluss mit dem OB womöglich nicht mehr als eine simple Stilfrage nach dem Motto: Sowas tut man einfach nicht; nicht mit dem eigenen OB. Den anderen erschien die Parteiferne des Stadtoberhaupts gar nicht als Problem, weil sie sich mit dessen Alltagsentscheidungen und dem Zwist zu Partei oder Ratsfraktion eh nicht groß belasten.
2. Die Herausforderin hat nicht geliefert.
Man kennt das vom Boxen: Wer den amtierenden Champion schlagen will, muss im Ring deutlich mehr zeigen als nur, dass er ein netter Mensch ist – sonst gibt die Punkte-Jury Runde um Runde an den Amtsinhaber. Angelika Kordfelder war erstens nicht bekannt und zweitens nicht aggressiv genug, war drittens in manchen Themen nicht sattelfest und viertens durch ihre Anreise vom münsterländischen Rheine strukturell im Hintertreffen, hat fünftens auf eine echte Kampagne verzichtet und sechstens keine Medienarbeit betrieben. Unterm Strich wurde sie gewogen und von vielen offenbar für zu leicht befunden. So kriegt man den Gürtel nicht.
3. Die Paß-Kritiker haben sich verkrümelt.
Als Britta Altenkamp im Sommer 2014 ihren verbalen Angriff auf den amtierenden OB startete, sprach sie vielen in der SPD aus dem Herzen. Das lässt sich auch daran ablesen, dass sie ein paar Wochen später mit deutlicher Mehrheit zur Parteivorsitzenden gewählt wurde. In diesem Amt aber war sie fortan zur größtmöglichen Fairness verpflichtet und hielt sich auch daran. Während – mit ganz wenigen Ausnahmen – niemand nachrückte, der sich ihre massive Kritik an Reinhard Paß auch nur halböffentlich zu eigen machte, im Gegenteil: Die Feiglinge versteckten sich hinter der vermeintlich vorlauten Genossin, um bloß nicht selber ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten. Wie heißt der ironische Spruch? „Wir stehen hinter Dir“ – wenn der Wind von vorne kommt.
4. Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter.
Reinhard Paß und seinen Unterstützern gelang es, die Kritik an sich als ebenso unfairen wie übertriebenen Angriff einiger weniger in der SPD hinzustellen. Hie und da räumte er sogar ein, ein paar Fehler gemacht zu haben. Angesicht solcher Bekundungen wirkte der Vorstoß gegen ihn plötzlich allzu maßlos und wurde am Ende als personalisierten Kampf stilisiert, Mann gegen Frau. Wobei sich der weibliche Part aber nicht etwa auf Herausforderin Angelika Kordfelder bezog, sondern hinter den sozialdemokratischen Kulissen auf die frisch gewählte Parteichefin. Die macht keinen Hehl daraus, als gelegentlicher „Zank-Lappen“ (Altenkamp über Altenkamp) ein (für manchen allzu) offenes Wort zu pflegen. Und „mit der Britta“ hatte mancher noch ein Hühnchen zu rupfen.
5. Im Parteihimmel ist immer Platz für reuige Sünder.
Hinter vorgehaltener Hand räumen auch die schärfsten Kritiker des Oberbürgermeisters ein: Reinhard Paß hat nach der Ansage Altenkamps im Sommer vergangenen Jahres instinktiv die richtigen Schlüsse gezogen, hat sich mit giftigen öffentlichen Kommentaren zurückgehalten, hat sich konzilianter gezeigt, mehr abgestimmt, den Kontakt gesucht und in den vier Regionalkonferenzen der Genossen seine Stärken ausgespielt. Vor allem hat er nicht nur durch die Blume formuliert, dass er das auch künftig so halten will. Ob da alle Beteuerungen wirklich von Herzen kamen oder manches nur taktisch motiviert blieb, ist unerheblich: Reue zahlt sich nunmal aus, in der Kirche wie in der Partei. Und plötzlich erschien vielen in der SPD der Bannstrahl für Paß als nicht mehr angemessen.
6. Die Funktionäre sind nicht die Partei.
Es gibt einen fulminanten Unterschied zwischen den Positionen, die eine kleine hoch politisierte Funktionärsebene einnimmt, dem Standpunkt einer engagierten, der 180 Köpfe zählenden Delegiertenschar ordentlicher SPD-Parteitage und dem, was man die vielzitierte Parteibasis nennt. Findet man dafür Belege, dann legt diese Erkenntnis die argumentative Axt an das bisherige Delegiertensystem nicht nur der Sozialdemokraten. Und beschert Außenseitern wie Außenseiter-Positionen ganz neue Möglichkeiten.

Aber nein, Reinhard Paß ist kein Außenseiter. Er ist der 2009 direkt gewählte Oberbürgermeister und der durch eine parteiinterne Mehrheit von 1.247 Sozialdemokraten zur erneuten Kandidatur getragene OB-Bewerber für diese Stadt. Die SPD wird am 13. September also mit dem Mann in den Wahlkampf ziehen, den die nahezu komplette Funktionärsebene für die „falsche Person“ hielt, an vorderster Stelle die amtierende Parteichefin.

Dabei gibt es wohl nicht diese eine richtige Erklärung für das politische Comeback des Mannes, der noch gar nicht richtig weg war. Doch wo auch immer die Gründe liegen: Reinhard Paß im bevorstehenden OB-Wahlkampf plötzlich als die „richtige Person“ zu feiern, nähme SPD-Chefin Britta Altenkamp bei aller Bereitschaft zur Dialektik niemand mehr ab. Es bleibt ihr wohl nichts anderes als der Rücktritt.