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Warum Flüchtlinge sich in Essen taufen lassen

27.03.2016 | 09:00 Uhr
Warum Flüchtlinge sich in Essen taufen lassen
Foto: FUNKE Foto Services

Essen.   David Gabra und Rolf Zwick begleiten Flüchtlinge bei der Konversion zum Christentum. Seit 2015 haben die beiden Pfarrer sieben Neuankömmlinge im Weigle-Haus getauft.

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt“ – den zweiten Vers aus dem 13. Kapitel des Hebräer-Briefes zitiert Rolf Zwick als Antwort auf die Frage zu seiner Haltung gegenüber der Flüchtlingspolitik. „Uns ist wichtig, dass wir im Weigle-Haus mit den Flüchtlingen arbeiten, nicht für sie“, erklärt der Leiter der Einrichtung im blauen Haus an der Hohenburgstraße, „die Flüchtlinge können hier aufblühen und sich in der Religion beheimaten.“

Dank des internationalen Bibelkreises unter der Leitung von Pfarrer David Gabra gelingt das: Die Teilnehmer diskutieren und beten auf deutsch, englisch, arabisch und persisch. „Manchmal kommt dann auch das Begehren zur Taufe auf“, berichtet der 37-jährige Gabra. Zusammen mit Rolf Zwick hat er seit 2015 sieben Flüchtlinge im Weigle-Haus getauft.

Christen aus dem Untergrund

Die Mehrheit der Täuflinge stammt aus Iran. Viele waren schon vor ihrer Flucht gläubige Christen, konnten ihre Religion jedoch nur im Untergrund ausüben. Der Islam ist Staatsreligion – die Apostasie, die Abwendung vom islamischen Glauben, steht unter Todesstrafe. Dass die Taufe sich auf den Asylprozess auswirken kann, wissen die Pfarrer. Einen Missbrauch des ersten Sakraments für eine größere Chance auf Asyl fürchten sie indes nicht. „Die Leute können sich bei uns nicht einfach schnell taufen lassen“, betont Zwick. In Absprache mit dem Gemeinderat haben die Geistlichen des Weigle-Hauses einen Prozess für Taufbegehren von Flüchtlingen erarbeitet. In einem Zeitraum von etwa zwei Monaten treffen sich Pfarrer und Täufling zu Gesprächen. Dabei sollen neben der Bedeutung der Taufe auch die Grundlagen des Christentums vermittelt werden. Auch die Einbindung in die Gemeinde sei wichtig.

Der Rahmen dieses Taufkurses orientiert sich unter anderem am Leitfaden „Zum Umgang mit Taufbegehren Asylsuchender“ der Evangelischen Kirche Deutschland von 2013. Die Handreichung weist auch auf die Problematik einer „Glaubensüberprüfung“ im Zusammenhang mit dem Asylverfahren hin. Wird ein möglicher Fluchtgrund erst nach Abschluss eines ersten Asylverfahrens genannt – in diesem Fall die drohende Todesstrafe durch Konversion zum Christentum – wird seitens der Behörden vermutet, dass es sich um einen so genannten selbstgeschaffenen Nachfluchtgrund handelt, der nicht zu einer Asyl-Anerkennung führt.

Wie überprüft man die Ernsthaftigkeit religiösen Glaubens?

Die Hinwendung zum Glauben bildet jedoch eine Ausnahme. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) überprüft dann in erster Instanz, ob im Heimatland eine Verfolgung droht. Dabei steht die Glaubwürdigkeit des Asylsuchenden im Zentrum. Doch wie überprüft man die Ernsthaftigkeit religiösen Glaubens? Anhand der Kompetenz der Pfarrer, die im Verfahren als Zeugen wirken können.

Pfarrer David Gabra (l.) und Rolf Zwick im Weigle-Haus haben seit dem vergangenen Jahr sieben Flüchtlinge getauft. Foto: Dirk Bauer / FUNKE Foto Services

Der Brisanz dieser Thematik ist sich Oliver Ruoß bewusst. Der Pfarrer in Werden hält über einen Mitarbeiter im Jugendteam der evangelischen Gemeinde Kontakt zu einem iranischen Flüchtling, der den Wunsch zur Taufe geäußert hat. „Der Vorwurf, dass die Konversion zum christlichen Glauben nur ein Vorwand für die Asylanerkennung ist, steht immer im Raum“, weiß Ruoß. So wie David Gabra und Rolf Zwick konstatiert auch er: „Wenn jemand sagt, dass er schon morgen getauft werden möchte, mache ich das natürlich nicht.“

An der Glaubwürdigkeit des iranischen Jugendlichen zweifelt Ruoß derweil nicht. Dieser habe sich schon im Iran über das Christentum informiert. „Da ist schon ein Background vorhanden“, erklärt Ruoß seine Überzeugung.

Letztendlich ist es eine Frage des Glaubens.

Susanne Klose

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http://www.derwesten.de/staedte/essen/warum-fluechtlinge-sich-in-essen-taufen-lassen-id11680416.html
2016-03-27 09:00
Essen, Flüchtlinge, Taufe, Integration, Soziales,
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