Warum ein Ex-Häftling in seine alte Stasi-Zelle zurückkehrt

Peter Keup fährt mit Jugendlichen in ein Dresdner Stasigefängnis. In dem er auch gesessen hat.
Peter Keup fährt mit Jugendlichen in ein Dresdner Stasigefängnis. In dem er auch gesessen hat.
Foto: Alexandra Roth / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Drei Monate saß Peter Keup Anfang der 1980er Jahre in der Isolationshaft der Staatssicherheit in der DDR, danach zehn Monate im Gefängnis in Cottbus. Er wurde festgenommen, als er versuchte, über die Grenze zur Tschechoslowakei zu flüchten. Bald kehrt er in das Stasi-Gefängnis zurück.

Essen.. Nach Dresden fährt der typische Tourist eigentlich für Sehenswürdigkeiten wie die Semper-Oper oder die Frauenkirche. Ein altes Gefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR von innen zu sehen, das steht bei den wenigsten auf der Muss-man-gesehen-haben-Liste. Die zehnte Klasse der Gesamtschule Stoppenberg wird diese Erfahrung auf ihrer Abschlussfahrt machen. Und hat dazu Peter Keup dabei. Der Essener saß selbst drei Monate in Isolationshaft der Staatssicherheit und anschließend zehn Monate im Gefängnis in Cottbus. Sogar seine alte Zelle will er den Schülern zeigen. Er selbst will sie allerdings nie wieder betreten.

„Das Schlimmste war, dass ich dachte, ich hätte wirklich etwas Unrechtes getan. Dahingehend hat die perfide DDR-Erziehung gefruchtet.“ Angestrengt runzelt Peter Keup die Stirn, als er zurückdenkt an die Zeit, die nicht in Vergessenheit geraten darf. Seine Eltern sind von Essen aus in den 1950er Jahren in die DDR ausgewandert, er wurde bei Dresden geboren.

Republikflucht war in der DDR "etwas Schlimmes"

Heute lebt er in Essen-Rüttenscheid, führt das Kulturstudio F19. Hier gibt er Tanzkurse, lädt Künstler ein, ihre Werke auszustellen. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner hat er das kleine Studio an der Friederikenstraße aufgebaut. Doch seine Vergangenheit lässt ihn nicht los. Und deshalb teilt er sie auf der ganzen Welt mit Schülern und jedem, der sie hören möchte.

Zeitzeuge „Wir wurden darauf getrimmt, dass es etwas Schlimmes ist, die Republik verlassen zu wollen.“ Genau das hat der 56-Jährige aber getan. Besser gesagt, er wollte es. Denn an der Grenze der damaligen Tschechoslowakei schnappte ihn die Stasi, schubste ihn in einen fensterlosen Wagen und brachte ihn nach Dresden.

Isolation als Mittel, um Häftlinge kleinzukriegen

Dort sollte er die nächsten drei Monate allein in einer Zelle verbringen. Isolation sei das beste Mittel gewesen, um Häftlinge kleinzukriegen, so Keup. „Ich dachte die ganze Zeit, ich wäre allein, der einzige 'Staatsfeind'. Das wollten sie uns denken lassen. Und ich wusste nicht, wo ich war, in welcher Stadt. Meine Mutter hat mich zweimal besucht, aber sie durfte nichts sagen.“

Nach der U-Haft wurde Keup ins Cottbusser Gefängnis überstellt, zehn Monate Freiheitsentzug warteten auf ihn. Dennoch sei es eine Erleichterung gewesen, verlegt zu werden. Bei den Hofgängen habe er wieder andere Menschen gesehen. „Ein Häftling, Christoph, holte mich aus der Depression. Er sagte mir bei den Hofgängen stets lächelnd, dass ich in den Himmel schauen solle und nicht nach unten. Er brachte mich zum Lachen. Ohne ihn hätte ich das psychisch nicht durchgestanden.“

Eltern zahlten 100 000 D-Mark für die Freiheit des Sohnes

Geschichte Noch heute haben die beiden Männer Kontakt. Christoph ist Keups Zahnarzt. Nach neun Monaten kauften Keups Großeltern, die in Essen lebten, ihn frei. 100 000 D-Mark zahlten sie. Das sei nur bei politischen Häftlingen möglich gewesen und wenn der Antrag aus dem Westen gestellt wurde. Er zog 1982 zu ihnen. Zwei Jahre später kamen die Eltern nach - ihren Ausreiseantrag hatten sie neun Jahre zuvor gestellt.

Seine Erfahrungen möchte Peter Keup nun den Jugendlichen näher bringen, sie zum Nachdenken anregen. An dem Ort, wo alles geschehen ist, werde die Geschichte eindrucksvoller wirken, da ist er sich sicher. Betroffenheit erwartet Keup als Reaktion. „Ich habe ihnen meine Geschichte im Unterricht bereits erzählt. Selbst da haben welche geweint. Wenn sie nun live am Ort des Grauens sind, vermute ich, dass die Reaktion noch heftiger ausfällt.“