Warum ein Essener überhaupt nichts mehr trinkt

Jenni Auer und Stefan Rüsing aus Essen sind seit Jahren Rohköstler.
Jenni Auer und Stefan Rüsing aus Essen sind seit Jahren Rohköstler.
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Was wir bereits wissen
Jenni Auer und Stefan Rüsing ernähren sich von Rohkost. Ethische und gesundheitliche Gründe führten dazu. Nur Obst und Salat sorgen für Flüssigkeit.

Essen.. Ein heißer Tee oder eine Suppe – gerade im Winter wissen die meisten Menschen das zu schätzen. Nicht so Tanzlehrerin Jenni Auer (45) aus Bredeney und Ingenieur Stefan Rüsing (51) aus Frohnhausen. Beide ernähren sich seit Jahren von Rohkost, essen keine Lebensmittel, die über 42 Grad erhitzt worden sind. „Ja, es gibt auch Rohköstler, bei denen rohes Fleisch auf dem Speiseplan steht“, bestätigt Auer. Für sie und Stefan Rüsing kommt das nicht in Frage. Beide waren Vegetarier beziehungsweise Veganer, bevor sie Rohkost für sich entdeckten.

Rohkost ist kein Allheilmittel. Das weiß Stefan Rüsing aus eigener, leidvoller Erfahrung. Durch die Brustkrebserkrankung seiner Frau kam er zu dieser Ernährung. Herkömmliche Therapien brachten keinen Erfolg mehr. „Wir haben uns an jeden Strohhalm geklammert“, erinnert sich der Frohnhauser, der nach dem Tod seiner Frau weiter Rohkost aß – inzwischen seit elf Jahren. Fleischfrei hatte er sich schon lange ernährt. Aus ethischen Gründen: „Kein Tier soll für mich leiden“, sagt er. Irgendwann ging er noch weiter: „Ich will kein Lebewesen schädigen – auch nicht mich selbst. Zum Beispiel beim Anbraten können ja krebserregende Stoffe entstehen“, sagt Stefan Rüsing. Er wolle Verantwortung für sich selbst übernehmen. Auf gekochte Nahrung zu verzichten falle ihm da nicht schwer.

Fast nur Obst und Salat, manchmal ein paar Nüsse

Ernährung Bevor er seine Ernährung auf Rohkost umstellte, sei er oft krank gewesen. „Das ist viel besser geworden. Ich fühle mich fitter und gesünder. Aber die dreimonatige Umstellungsphase war schon hart.“ Für den Körper sei es anfangs ungewohnt und schwierig, ungekochte Nahrung zur verarbeiten. Die Folge: Haut- und Verdauungsprobleme. Die Startschwierigkeiten sind Geschichte. Heute isst der sehr schlanke Ingenieur fast nur Obst und Salat, manchmal ein paar Nüsse.

Ob er Kaffee oder Tee vermisst? Rüsing lacht. Wenn überhaupt, trinke er Wasser, aber genau genommen trinke er – nichts. „Es sei denn, ich bin in Indien, es ist extrem heiß und ich muss mich körperlich anstrengen. Oder ich bin im Café verabredet. Da ist es unangenehm, nichts zu bestellen. Dann nippe ich an einem Wasser“, sagt er. Durch Obst und Salat nehme er genug Flüssigkeit auf, ist Rüsing überzeugt.

"Ich brauche Essen nicht als Ersatzbefriedigung"

Veganismus Dass der komplette Verzicht auf tierische Lebensmittel zu Vitamin-B12-Mangel führen könne, sei ihm klar. „Da nehme ich Tabletten, die das ausgleichen.“ Rüsing selbst besitzt keinen Herd. Der Geruch eines leckeren gekochten Essens bei Freunden stelle für ihn keine Versuchung dar. Der Genussaspekt sei für ihn nicht wichtig. „Ich brauche Essen nicht als Ersatzbefriedigung. Zu Einladungen gehe ich satt“, sagt Rüsing, der allerdings zugibt, dass sich der Freundeskreis durch seine Lebensweise geändert habe.

Das hat auch Jenni Auer erfahren: „Rohköstler werden sogar wieder ausgeladen. Gerade für Fleischesser sind wir offenbar das personifizierte schlechte Gewissen.“ Bei ihren Kindern sah sie sich vor Jahren mit gesundheitlichen Problemen wie Allergien und Asthma konfrontiert. Sie selbst war oft müde und krank, hatte starke Bewegungsschmerzen. „Ich hatte Angst, meinen Beruf als Tanzlehrerin nicht mehr ausüben zu können“, erinnert sich Auer, die schon früher auf Vollwertkost achtete. „Ich fand mich ernährungstechnisch schon echt gut“, sagt sie.

Soja-, Mandelmilch & Co. Irgendwann erfuhr sie die Ursache ihrer Beschwerden: eine offenbar lange nicht erkannte Borreliose durch Zeckenbiss. „Seit ich 2012 komplett auf Rohkost umgestellt habe, geht es mir deutlich besser“, sagt Auer. Eine Ausnahme macht sie: den gekochten Reis beim vegetarischen Sushi. Wenn sie wirklich einmal etwas Warmes möchte, steckt sie die Lebensmittel in den Turbo-Mixer oder in den Backofen – bei 50 Grad und offener Tür.