Warum ein Akademiker freiwillig zur Gesamtschule geht

Florian Heisterkamp hat einen Magister-Abschluss und will später mal einen Medien-Job. Trotzdem hat er sich für zwei Jahre verpflichtet, um an der Gesamtschule Bockmühle Kinder zu fördern.
Florian Heisterkamp hat einen Magister-Abschluss und will später mal einen Medien-Job. Trotzdem hat er sich für zwei Jahre verpflichtet, um an der Gesamtschule Bockmühle Kinder zu fördern.
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Was wir bereits wissen
Florian Heisterkamp (30) unterrichtet bis 2016 an der Gesamtschule Bockmühle in Altendorf, obwohl er kein Leher werden will.

Essen.. Er verbringt volle zwei Jahre an einer Schule, die durchaus besondere Herausforderungen birgt. Er tut das freiwillig, obwohl er gar nicht müsste. Und obwohl er gar kein Lehrer werden will. Doch Florian Heisterkamp (30) sagt: „Das ist kein Umweg in meiner Lebensplanung, sondern eine echte Chance, mich weiterzuentwickeln.“

Heisterkamp steht mit neun Fünft- und Sechstklässlern in einem Raum der Gesamtschule Bockmühle, und Schüler Ahmed versteht gerade nicht, was Heisterkamp meint, wenn er sagt: „Ahmed, hol’ mal dein Buch ‘raus.“ Mit großen Augen schaut der Junge ihn an, dann zeigt Heisterkamp auf das volle Regal an der Wand, in dem Kinderduden stehen: „Buch. Da. Komm, wir gehen mal zusammen hin und holen eins.“

"Fellows" sollen keine Lehrer ersetzen

Heisterkamp betreibt Sprachförderung in der so genannten „Auffangklasse“, das sind Schüler, die ohne jede Deutschkenntnis an die Gesamtschule kommen, viele Flüchtlingskinder sind dabei. Ahmed ist seit genau anderthalb Wochen da, entsprechend fängt er mit Deutsch an: bei null.

Filip ist da schon weiter, der Junge mit dem schicken Seitenscheitel fragt: „Können wir nicht Fußball spielen, Herr Heisterkamp?“ „Nein“, sagt Heisterkamp freundlich und bittet Filip zum Diktat an die Tafel: „Schreib’ mal hier hin: ,Emmas Mutter greift in ihre Tasche.’“ Der Junge schreibt den Satz hin, fehlerfrei. „Gut, Filip“, sagt Heisterkamp. Filip geht zurück an seinen Platz mit einem tellerbreiten Grinsen im Gesicht.

An 100 Schulen in Deutschland arbeiten so genannte „Fellows“ der Bildungsinitiative „Teach First“. Heisterkamp ist einer von ihnen. Gesucht werden hochmotivierte und herausragende Hochschul-Absolventen aller Fachrichtungen, die vor ihrem eigentlichen Berufsstart für zwei Jahre an einer Schule mit Kindern und Jugendlichen arbeiten wollen. Es geht vor allem um Schulen, die einen besonderen Kümmer-Auftrag haben, weil sie nicht gerade in den reichen Vierteln liegen. Und es geht nicht darum, die regulären Lehrer zu ersetzen, sondern das Kollegium zu ergänzen – durch Leute, die ganz neue Impulse setzen können.

Heisterkamp hat die Sprachförderung für sich entdeckt

An der Bockmühle hat Heisterkamp, der Geschichte und Germanistik auf Magister studiert, für den WDR als Fernsehjournalist gearbeitet und zuletzt in einer Online-Marketing-Agentur gejobbt hat, ein Schülerzeitungs-Projekt hochgezogen und betreut nebenbei Sport-AGs. Im Unterricht wird er jetzt vor allem für die Differenzierung eingesetzt, das heißt, er kümmert sich vor allem um die Förderung der besonders starken und besonders schwachen Schüler. „Schulen“, ist Heisterkamp überzeugt, „brauchen Externe.“

Nach wenigen Monaten an der Bockmühle hat Heisterkamp das Feld der Sprachförderung für sich entdeckt, „hier möchte ich gerne Experte werden“, und überrascht ist er besonders davon, „wie schnell man in intensiven Kontakt mit den Schülern gerät. Die erzählen einem sofort von Zuhause. Man muss sich nur etwas Zeit nehmen und zuhören.“

Neue Perspektive

Noten geben darf Heisterkamp nicht, auch wenn alle „Teach First“-Fellows vor ihren Einsätzen umfangreich ausgebildet werden für ihren Schuleinsatz.

Eigentlich hatte Heisterkamp vor, sich später beruflich in der Kommunikationsbranche zu etablieren, „auch wenn Schule bei uns zuhause immer ein Thema war.“ Die Mutter leitet eine Grundschule in Duisburg. Doch jetzt glaubt Heisterkamp, dass der Bereich „Erwachsenenbildung“ für ihn sein könnte: „Sprache ist das A und O. Man muss die Kinder und Jugendlichen fördern. Das ist für mich auch ein Beitrag zur Integration und gegen solche Bewegungen wie Pegida.“