Debatten-Beitrag
Warum das Konzept Ruhr 2010 fragwürdig ist
28.07.2010 | 04:56 Uhr 2010-07-28T04:56:00+0200
Essen.Duisburg hat klar gemacht, weshalb das Konzept der Ruhr 2010 fragwürdig ist. Manchmal hat man das Gefühl, die Millionen „Ruhries“ dienen nur als Kulisse für die Profilneurose einiger, die aus dem Revier mit Gewalt mehr machen wollen als drinsteckt.
Manchmal reißen Katastrophen plötzlich einen Schleier weg und geben den Blick frei auf Verstelltes. Die Loveparade in Duisburg könnte so ein Ereignis sein. Sie hat gezeigt: Das Konzept der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 und anderer regionaler Player, auf Massenveranstaltungen um jeden Preis, auf die Selbstsuggestion von Millionen zu setzen, ist nicht nur vom Stil und Ergebnis her fragwürdig, es verführt auch noch zum Leichtsinn. Alles geht? Von wegen. In Duisburg ging es nicht, so dringend die lokalen Verantwortlichen und die vielen regionalen Trommler im Vorfeld sich dies auch wünschten und ihr Wunschdenken durchdrückten. Denn es konnte nicht sein, was nicht sein durfte.
Es ist nicht weit hergeholt, hier vorgestriges, uraltes Ruhrgebiets-Denken am Werk zu sehen, Massen-Denken, Tonnage-Denken, ein Größenwahn, der sich nicht an Qualität orientiert, sondern auf Quantität setzt. Es ist die alte Krankheit von Revier-Bürokraten, Revier-Idealisten, Revier-Phantasten und leider auch Revier-Publizisten. Masse und Millionen, das ist die Währung, an der sich im Ruhrgebiet viele, sehr viele ergötzen. In seiner Gebetsmühlenhaftigkeit ist das nicht nur ermüdend, es ist manchmal sogar gefährlich.
Wer braucht die Metropole Ruhr?
„Weltstadt Ruhr“ hieß zum Beispiel einst ein Buch von Christoph Zöpel, das sich geradezu berauschte an der großen Zahl, auch der an Menschen. „Metropole Ruhr“ heißt eine luftige Wortschöpfung, die inzwischen viele wie eine unhinterfragbare Monstranz vor sich hertragen. Aber dieser Kaiser hat keine Kleider an, er ist nackt. Es gibt keine Metropole Ruhr. Es gibt Städte: große wie Essen oder Dortmund, kleinere wie Herne oder Gelsenkirchen, spannende und ein bisschen langweilige.
Na und? Wer braucht die Metropole Ruhr, wer braucht ein Kunstgebilde, das mit schierer Masse meint, die Region nach vorne bringen zu können? Und wer glaubt denn ernsthaft, dass die Weiterentwicklung des Ruhrgebiets über Veranstaltungen wie die Loveparade funktioniert? Die Loveparade ist nur eine Party. Eine Party, die 2007 in Essen gut ging und eindrucksvolle Massen-Bilder lieferte, die aber auch ein Schlachtfeld mit ziemlich viel Dreck und eine Urin-Wolke über der ganzen Stadt hinterließ. Das ist - bei Licht besehen - eigentlich alles. Was soll dieses Hochstilisieren?
Manchmal hat man das Gefühl, die Millionen Menschen, die gutwilligen „Ruhries“, dienen nur als Kulisse für die Profilneurose einiger, die aus dem Ruhrgebiet mit Gewalt mehr machen wollen als drinsteckt. Man denkt da an Zeitgenossen wie den 2010-Kreativbeauftragten Dieter Gorny, der mit dem Provinzialismus-Vorwurf nur so um sich schmiss, als eine Stadt wie Bochum meinte, die Loveparade nicht stemmen zu können.
Zweifel sind erlaubt
Oder nehmen wir Essens früheren Kulturdezernenten Oliver Scheytt, heute Ruhr 2010-Chef, der nach dem A 40-Spektakel gegenüber der „Welt“ von einer „großen sozialen Skulptur“ schwadronierte, die ein „neues Selbstbewusstsein“ in die Menschen senke. Richtig tief blicken ließ dann Scheytts Fortsetzungssatz: „Man muss sich jetzt nicht mehr entschuldigen, dass man zwischen Münster und Düsseldorf wohnt“. Sorry, aber der Autor dieser Zeilen lebte immer in dieser Stadt und hat sich dafür noch nicht ein einziges Mal entschuldigt. Warum auch? Mancher Ruhr-Enthusiast macht seine eigenen Komplexe zum Maßstab für eine ganze Region.
Seht her, wir sind so viele, wir bringen die Massen auf die Straße, wir schaffen ALLES. Für diese Ruhr-Hybris ist die Loveparade zum Menetekel geworden. Nie mehr kann man derartige Naivitäten einfach so von sich geben, ohne sich lächerlich zu machen.
Und dann gab es gestern diese Anzeige vom Regionalverband Ruhr: „Die Metropole Ruhr trauert um 20 junge Menschen…“. Doch, es steht da: „Die Metropole Ruhr“. Mancher bewegt sich offenbar in einer Endlosschleife aus Träumen von „Masse gleich Weltgeltung“. Bis zum nächsten bösen Erwachen. „Dort wo man nicht dem Schein erliegt“, heißt es in Herbert Grönemeyers Ruhr-Hymne. Zweifel sind erlaubt.

10:29
Herr Stenglein, es ist weiter kritisch über das Ruhrgebiet nachzudenken, so lange einige ein Massenspektakel benötigen, damit die Menschen im Ruhrgebiet alle zu Ruhries werden. Solche Massenspektakel als Instrument hatten wird schon ein mal in einer Dunklen Zeit.
14:18
Wir sind viele - aber ich bin einer = und das wird auch so bleiben!
01:02
Herr Stenglein, bitte scrollen Sie ganz nach oben, was steht da neben derwesten? Huch.
Und sind es nicht die waz Fotografen die Dank ihrer kostenlosen Bilder Werbung für die ruhr.2010 machen? Steht in den Bildbeschreibungen jeweils eine Veranstaltung mit fragwürdigem Konzept?
Und haben nicht auch ihre Zeitungen die ruhr.2010 zum Massenspektakel gemacht, dessen unreflektierte Übernahme von Besucherzahlen, ein Millionenpublikum vorgaukeln. Der Loveparade Veranstalter hat die Presse in diesem Punkt gerade vorgeführt.
Das es die ruhr.2010 als punktuelles Ereignis nicht schafft das Ruhr-Gebiet zu einen dürfte keinen überraschen. Es sind schon vorher zig Projekte, angefangen zu Zeit von Wolfgang Clement als Ministerpräsident, auf den Weg geschickt worden.
18:17
Ein wirklich toller und vor allem treffender Artikel, Herr Stenglein. Sie treffen den Nagel voll auf den Kopf. Die Gegenkommentare sind halt die üblichen Sozi-Hirne, die es weder im Ruhrgebiet noch sonst irgendwie drauf haben, insbesondere nicht in der Kultur. Warum? Diese Ruhrgebietsgesellschaft besitzt keine Kultur. Es sind alles ehrliche Leute, doch von Image, Kultur oder Spitzenleistung verstehen sie angeborenerweise leider nichts.
22:40
Es scheint immer noch Leute zu geben, die glauben, man könne Kultur verordnen, planen oder befehlen. Alles, was wir unter Kultur verstehen, hat aber seinen Ursprung aus dem Gegenteil. Kultur kommt von unten. Von dort wo es gärt. Kultur passiert. So ist das nun mal. Alle Macher glauben natürlich an das Machbare. So sieht dann auch die Kultur aus, die sie machen (lassen): Steril und sehr, sehr teuer. Was da sinnlos verbraten wird! Ein aufgelassenes Industriegelände, was man einfach in Ruhe lässt und in dem sich junge und nicht mehr so junge aber engagierte Leute mit Ideen und Energie einen preiswerten Freiraum gestalten können, erzeugt nach ein paar Jahren mehr Kultur, als es sich Beamte, Vorstände und Poltiker überhaupt vorstellen können. Aber da kann man ja nicht sein Eitelkeitsschweinchen grinsen lassen.
12:16
Natürlich ist das Ruhrgebiet keine Metropole. Der Ruhrie ist auch kein offener Menschenschlag? Ich habe noch keinen Menschenschlag erlebt, der so Verbissen, so Verbohrt ist. Türken, Russen, Polen, Deutsche, alle möglichen Nationen und Kulturen leben miteinander Das unterscheidet und in kleinster weise von Berlin oder Köln. Doch im Ruhrpott wird das kleinste Zeichen der Gemeinsamkeit genutzt, um sich von Niederrhein und Westfalen abzugrenzen. Nur wenige, wie der Autor Frank Stenglein hinterfragen. Hinterfragen, ob es die Gemeinsamkeit gibt. Ich meine nein. Es gibt keine, die Städte Alpen, Xanten, Hamminkeln haben nichts gemeinsames mit den Städten Duisburg oder Dortmund.
Davon bringen mich auch einige User ab, offensichtlich von Pro.Ruhrgebiet gesteuert, die immer noch von einer Ruhrstadt von Alpen bis Fröndenberg träumen. Der Traum hat am Samstag schrecklich geändert.
Frank Stenglein, weiter so, hinterfragen sie weiterhin kritisch das Ruhrgebiet, und lassen sie sich nicht von Pro.Ruhrgebiet davon abbringen.
11:07
1. Ich kann das Gequatsche der Ruhrstadtherren, von Herren die beim RVR arbeiten, nicht mehr hören. Ich werde als Niederrheinern nicht fremdbestimmt. Duisburg, die größte Stadt des Niederrheins auch nicht.
2. Ich habe keine Lust, als Niederrheinern von einigen Ruhrstadtherren fremdbestimmt. Zu werden.
3. Die Loveparade war Gigantismus pur. Es wurde mit 1,4 Millionen Gästen gerechnet. 1,4 Millionen Gästen und einige Ruhrstadtherren hätten wieder von einer Ruhrstadt gefaselt.
4. Liebe Ruhrstadtherren, in Deutschland gilt immer noch die Groß/Kein Rechtschreibung.
11:32
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21:35
Herr Stenglein - wenn man es den Duisburger Kirchtumspolitikern nicht alleine überlassen hätte die Loveparade von A-Z zu organisieren und zu genehmigen, wäre dieses Chaos und die Tragödie uns erspart geblieben. Warum wurde den nicht das Know der Kollegen in den Ruhrstädten Essen, Dortmund und natürlich auch Bochum genutzt ? Mir sind da nur verächtliche Äußerungen zu Ohren gekommen.
Das Kirchtumsdenken ist das Problem! Wenn die jeweils besten Standorte und die besten Leute in der Metropole Ruhr genutzt werden, erst dann kommt das ganze vorhandene Potential zum Tragen.
Die geht natürlich nicht mit einem Wanderzirkus. Stillleben konnte nicht in allen 53 RuhrStädten durchgeführt werden - war aber trotzdem eine Veranstaltung für alle Ruhris. Mit der Linienführung der A40 hatte man den optimalen Standort für dies Grossveranstaltung.
Auch eine Loveparade hätte nicht in alle Städte des Ruhrgebietes ziehen können. Hier wäre eine Ausschreibung für den bestmöglichsten Standort in ganz Ruhriland erfoderlich gewesen. Leider führt der Egosmus der einzelnen Stadtoberhäupter dazu, jeweils alles auch in die eigene Stadt zu ziehen. Mit einem RuhrStadt bzw. Metropole Ruhr Bewusstsein wäre das nicht passiert !!!
Lasst uns die Kompetenzen und die Potentiale bündeln. Nur dann gelingt es uns die Provinzialität und die Fremdbestimmung von fernen Regierungspräsidenten abzustreifen.
Beides schadet uns - siehe zuletzt in Duisburg oder RP in Arnsberg - dem die Bevölkerung in Dortmund egal war.
15:58
Die Idee einer Metropole ist - wie ein ZEIT Artikel aus den 80er zeigte - keine neue Idee, alle offiziellen Großprojekte (Leuchtturmprojekte genannt):
1. Das größte Rathaus Europas mit einem Laser, der zu groß dimensioniert war und nach einem Fehlstart und späterem Betrieb aus Kostengründen ausgelagert wurde. Kosten (nur für den Laser: 700.000 DM)
2. Zollverein Design School
Das war die Idee eines Hr. Scheytt, sie hatte niemals mehr als 12 Studenten, kostete 12 Mill. plus Sanierungs- u. Abwicklungskosten und steht nun für die Präsentation von Mercedes u. Co auf Mietbasis zur Verfügung.
Aktuell:
3. a) Ruhratolle auf dem Baldeneysee (Federführend auch hier Scheytt)
Kein bisschen site specific, kein Kunstanspruch aber auch kein Nutzwert. Kosten: mind. 1 Mio
b) Creative Viertel...
Es soll kreative Viertel geben, weil nach der Theorie eines US-Architekturspezies diese creative class die neuen Leitsterne für eine Metropole sein.
Es gibt sie - aber auch ohne schicke Werbehefte und 4Farbflyer.
Interessant ist auch am Rande, welche erste Rückfrage von der Ruhr2010-Zuständigen in bezug auf lokale Ideen im Bereich bild. Kunst gestellt wurde: Wo ist der Mehrwert?
Selten hat eine Kultur-Clique so frustriert.
Als Künstler freue ich mich, wenn wir wieder diese Leute aus der Brunnenstr. los sind