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Warme Kurven

09.12.2009 | 13:04 Uhr
Warme Kurven

Essener Süden/Schuir.Die Erdbeeren in seinem Garten haben zwei Mal geblüht, das hat ihn verwundert. Und auch, dass Zikaden sich inzwischen im heimischen Garten wohlfühlen. „Ich merke an vielen Stellen, dass sich das Klima bei uns ändert, nicht nur an den Kurven“, sagt Guido Halbig und blättert in den Aufzeichnungen, Diagrammen und Hochrechnungen für die nächsten 100 Jahre. Halbig ist Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst, er leitet die Niederlassung für NRW in Schuir, unweit des Flughafens.

Es regnet in Strömen, seit Stunden. Von Kälte keine Spur. In der oberen Etage des Wetterdienstes laufen über den Bildschirm die Radarbilder. Für die Winter, sagt Halbig, sei das aktuelle Wetter inzwischen typisch. Sehr feucht, nicht kalt. So geht’s weiter. Er holt die Berechnungen bis zum Jahr 2100 hervor. Danach müssen wir mit bis zu 30 Prozent mehr Niederschlägen in den Wintermonaten rechnen. Die Sommer werden noch trockener. Auf dem Tisch liegen die Kurven mit den Temperaturverläufen von 1936 bis zum Jahr „Auf 100 Jahre ergibt das ein Plus von 1,7 Grad“, sagt Halbig. Hört sich wenig an, sei aber hoch brisant. Die Meteorologen haben weiter gerechnet: „Sollte der CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2050 weiter zu- und erst danach abnehmen, hätten wir in NRW einen Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts von zwei bis 3,5 Grad.“ Die heißen Sommer wie 2003 mit vielen Hitzetoten würden noch heißer. Die Zahl der Sommertage über 25 Grad würde sich in NRW verdoppeln, so Halbig. Er zählt sich nicht zu denen, die den nahenden Untergang sehen, aber sieht die „moralische Pflicht“, die große Sorge auszudrücken, zu mahnen.

Natürlich seien auch Klimaschwankungen ein natürlicher Prozess, aber: „Wir hatten in den vergangenen 800 000 Jahren noch nie einen derartigen CO2-Anstieg wie jetzt, und der ist vom Menschen gemacht.“

Zehn Tonnen CO2 verursacht jeder von uns im Jahr. Und dagegen könne jeder etwas tun, ist Halbig sicher: weniger Auto fahren, weniger fliegen, weniger Nahrungsmittel kaufen, die um die halbe Welt transportiert werden müssen, weniger Strom verbrauchen. Die Rechnung des Wetterexperten: Jeder ein bisschen macht in der Summe eine Menge.

Reagieren müssten aber auch die Städte und klimaver-träglicher werden. Mülheim zum Beispiel sieht Halbig auf einem richtigen Weg. Das Technische Rathaus als Energie sparendes Hochhaus bezeichnet er als positives Beispiel. Für entscheidend hält er jedoch die Begrünung der Städte. Bäume könnten eine Art Retter sein. Sie binden bei der Photosynthese CO2, verdunsten durch die Blätter Feuchtigkeit, filtern UV-Licht. „Man müsste den Städten raten: Pflanzt Bäume und verheizt sie nachher nicht als Pellets, denn dann tritt CO2 wieder aus.“ Halbig plädiert für Dachbegrünungen, für Innengärten, für Alleen, für Grün, wo immer es möglich ist. Die hohe Versiegelung in den Städten rächt sich gerade jetzt im Klimawandel.

Die Kommunen sollten sich aus Sicht des Meteorologen Anreizsysteme überlegen nach dem Motto: „Wer 20 Bäume setzt, wird bei einer Gebühr im Gegenzug entlastet.“ Im Ruhrgebiet sehen die Wetterexperten zudem noch viele Brachflächen, die sich in Grünzonen verwandeln ließen: dem Klima zuliebe. Neue Ansiedlungen würden immer mit wirtschaftlichen Vorteilen begründet. „Aber auch das Klima ist ein hoher Wirtschaftsfaktor“, unterstreicht Halbig, denkt dabei an die Zerstörungskraft der Natur und die Folgen wie an technische Innovationen.

Die Modellrechnungen wird er weiterführen, wobei die Kurven längst den oberen Rand der Grafik erreicht haben. Eindrucksvolle Darstellungen, die Halbig künftig Kindern und Jugendlichen erläutern will. „Die werden das Klima von morgen machen und darin leben.“

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